Unberechenbar und ohne Scham

Trump im US-Wahlkampf

Von Mika Beuster

Keine Einreise mehr für Muslime fordert er, ein Journalist wird wegen seiner körperlichen Behinderung beleidigt und eine Moderatorin als "menstruierend" bezeichnet: Der derzeit laut Umfragen aussichtsreichste Kandidat der US-Republikaner für die Präsidentschaftswahlen lässt keine Gelegenheit aus, öffentliche Empörung auszulösen. "Die spinnen, die Amis" mag mancher Beobachter im "alten Europa" denken, wenn er den schrillen Wahlkampf des Selfmademilliardärs und Immobilienmagnaten verfolgt. Doch reine Ungläubigkeit oder Empörung reichen nicht aus, um das zu beschreiben, was gerade in Amerika zu beobachten ist.

Man mag Trump belächeln oder gar für irre halten: Er ist aber das Symptom einer sich ändernden politischen Kultur in westlichen Demokratien. Effekt statt Argument, Show statt Seriosität - Politiker mit traditionellem Lebenslauf (Jurastudium, Ochsentour in skurrilen Parteiposten in der Provinz bis hin zum ersten knappen Einzug in ein Parlament) haben es schwer, gegen geborene Showmenschen wie Trump im Wettkampf um mediale Aufmerksamkeit zu bestehen. Trump ist ein Meister, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Er liebt die Kameras und hat kaum ein Schamgefühl, was seine Selbstinszenierung in den Medien angeht. Die Verleihung des Preises als schlechtester Nebendarsteller in einem Kinofilm hielt seine Karriere ebenso wenig auf, wie die Beschimpfungen aus dem liberalen Lager in Amerika, die er schulterzuckend erduldet.

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Extrovertiert bis in die letzte Hautpore, frech, selbstbewusst und unberechenbar - Trump stellt so das genaue Gegenteil der Machtelite seiner Partei, der konservativen Republikaner, dar - ergraute Herren in dunklen Anzügen, die in Hinterzimmern der Hauptstadt Washington vor allem Deals schnüren, die der eigenen Karriere förderlich sind, die aber danach gruppenweise vor den Kameras eben diese als "patriotisch" verkünden. Genau hier scheint der Erfolg Trumps zu liegen, der auf den ersten Blick nur schwer zu verstehen ist: Er ist anders, schrill und laut. Politik inszeniert er als Reality-TV-Show. Zudem stellt er sich als nicht käuflich dar - im Gegenteil, der Milliardär behauptet, selbst schon Politiker gekauft zu haben. Trumps Währung ist die mediale Aufmerksamkeit. Inhalte verkommen dabei zur Nebensache. Hauptsache Anti-Establishment, Hauptsache nicht politisch korrekt.

So erreicht er Wählergruppen, die andere schon als verloren geglaubt hatten: die Enttäuschten, die Abgehängten, die Verängstigten. Von Charismatikern und Politi-Profis wie Barack Obama erwarten sie nichts mehr. Der ist seriös, gebildet, er kann reden - aber er hat die Erwartungen vieler Menschen in den USA enttäuscht.

Das Feld nicht den Demagogen überlassen

Trump wittert seine Chance, auch wenn er keine politische Erfahrung hat. Die Amerikaner sind experimentierfreudiger, was den beruflichen Werdegang von Spitzenpolitikern angeht. Mit Ronald Reagan hatte schon einmal ein gelernter Schauspieler die Fäden als mächtigster Mann der Welt in der Hand.

Sich nur zu empören, wird nicht ausreichen, Trump zu stoppen. Die Amerikaner werden die richtigen Lehren ziehen müssen - genauso wie die Europäer. Wenn es die traditionellen Parteien dies- und jenseits des Atlantiks nicht schaffen, neue Formen der politischen Vermittlung finden, sich von altbackenen Ritualen verabschieden und aufregender und frischer werden, überlassen sie das Feld kampflos den Demagogen.

Das wäre fatal - denn Trump bietet ihnen eine Lernchance, die sie annehmen sollten. So hätte der Auftritt dieses politischen Rumpelstilzchens wenigstens noch etwas Gutes. Es darf nicht sein, dass in einer politischen Auseinandersetzung am Ende der Lauteste und Schrillste gewinnt. Aber wenn die mit den besseren Argumenten ihre Themen besser aufbereiten und sich auch verloren geglaubten Wählerschichten zuwenden, hat der Demagoge Trump am Ende der Demokratie noch einen Dienst erwiesen.

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