Vieles spricht für Lammert

VON KIRSTEN OHLWEIN

- Der Ankläger mit seinen unbekannten Motiven: Er ist ein Plagiatsjäger, der 2012 die ersten Hinweise auf ein mögliches Fehlverhalten von Annette Schavan bei ihrer Dissertation gab. Dass er anonym bleibt, sich das Pseudonym "Robert Schmidt" gibt und sich aus dieser Position heraus zu einer moralischen Instanz aufschwingt, zeigt erst, wie verquer die Plagiatsjagd geworden ist. "Schmidt" hat nicht mehr als ein Drittel der Arbeit gelesen und auf 42 Seiten 21 Passagen gefunden, die seiner Ansicht nach fraglich sind. Das ist maximal als Stichprobe zu werten, nicht als Gesamtaussage. Schmidts Motive bleiben zudem im Unklaren. Politische Gründe weist er zurück. Er jagt, um zu jagen - ein fragwürdiges Motiv. So verkommt das, was eigentlich ehrbar ist - das kritische Hinterfragen hochrangiger Politiker - zum Denunziantentum.

- Der fragwürdige Vorwurf: Lammert soll Textpassagen und Fußnoten umformuliert und umstrukturiert übernommen haben. Dies jedoch ist in der Wissenschaft unproblematisch, solange nicht der Eindruck erweckt wird, man habe Originalquellen zitiert. Das hat Lammert auf den bisher untersuchten Seiten nicht getan. Dass "Schmidt" in Lammerts Werk Fehler gefunden haben will, lässt allenfalls schlampige Arbeit vermuten - aber noch kein Plagiat. Übernommene Textstellen aus der Sekundärliteratur bedeuten nicht automatisch, dass Primärquellen nie gelesen wurden.

- Der unwissenschaftliche Maßstab: Würde jede Dissertation nach Maßstäben von "Robert Schmidt" untersucht werden, würde wohl fast jede Arbeit eines "Doktors" in Deutschland auf dem Prüfstand stehen.

- Der nötige Vergleich mit Karl-Theodor zu Guttenberg: Indizien, dass Lammert wie Guttenberg ganze Textpassagen in seine Arbeit kopiert hat, gibt es bislang nicht. Die Täuschungsabsicht des Bundestagspräsidenten ist somit nicht erkennbar. Und zu guter Letzt gilt immer noch die Unschuldsvermutung, bis die Schuld bewiesen ist.


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