Vom Königsweg zum Holzweg

Von Regina Tauer

In wenigen Tagen hat Erdogan zunichtegemacht, was die Türkei und insbesondere er selbst zum Image eines moderat-islamischen, aber modernen Landes in den vergangenen Jahren beigetragen hatte. Dem Westen bleibt gar nichts anderes übrig als auf Distanz zu gehen, will er nicht seine eigenen Glaubwürdigkeit aufs Spiel setzen. Erdogans Raserei spielt denen in die Hände, die die Türkei nicht als EU-Mitglied sehen wollen. Die Beitrittsverhandlungen sind um viele Jahre zurückgeworfen. Die höhnischen Worte Erdogans können in Brüssel nicht überhört werden.

In den Ländern des "Arabischen Frühlings" galt die Türkei unter Erdogan und seiner AKP bis vor wenigen Wochen noch als Modell, wenn nicht gar als Königsweg in die Moderne. Eine Moderne, die sich sowohl auf demokratische wie islamische Traditionen stützte. Das erweist sich jetzt als Holzweg. Unter der Maske des jovialen Landesvaters kommt Erdogans wahres Gesicht zum Vorschein.

Keine Freunde in der arabischen Welt wird sich Erdogan auch mit seinen unverblümt geäußerten Großmachtvorstellungen machen. Die sind zwar in erster Linie an seine fanatischen Anhänger gerichtet, doch die Erinnerungen an die osmanische Fremdherrschaft ist im Nahen Osten noch lebendig.

Erdogan droht den Demonstranten in Istanbul mit dem Einsatz des Militärs. Die Verhandlungsbereitschaft gegenüber den Protestierenden entpuppt sich als Farce. Doch der Hilferuf ans Militär könnte sich für Erdogan als Bumerang erweisen. In der Vergangenheit standen die Streitkräfte dem Ministerpräsidenten skeptisch gegenüber. Wer sie jetzt ruft, könnte sich bald die Augen reiben. Diese "Helfer in der Not" haben in den 80er Jahren schon einmal die Macht an sich gerissen. Die Demokratie in der Türkei ist in großer Gefahr.

 


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Standpunkte Hessen und Welt