Von Dresden nach Köln

Von Michael Klein

Einerseits erleben sie ein herzliches Willkommen in Städten und Gemeinden, in den Kirchen - auch in Mittelhessen. Aber sie erleben auch jene Mitbürger, die in Dresden und anderen deutschen Städten zu Tausenden auf die Straße gehen, um eine strengere Asylpolitik einzufordern. Viele der Demonstranten wehren sich zu Recht gegen die archaische Ideologie von Salafisten hierzulande oder eben jener Taliban, die in Pakistan wehrlose Schulkinder erschießen. Mit den Terror-Opfern, die bei uns verzweifelt Zuflucht suchen, die sich genauso nach Freiheit von islamistischen Zwängen sehnen wie sie selbst, wollen die Demonstranten aber nichts zu tun haben.

Aufklärung ist der einzige Weg

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Das passt nicht zusammen. Und es zeigt, dass Aufklärung der einzige Weg ist, der "Pegida"-Bewegung zu begegnen. Wie der Sozialdemokrat Wolfgang Thierse zu Recht gefordert hat: mit den Redlichen unter den Demonstranten ins Gespräch kommen, um zunächst einmal die nicht wenigen Missverständnisse in der Debatte aus dem Weg zu räumen. Sodann gilt es, die Probleme anzusprechen, die ganz natürlich entstehen können, wenn einander fremde Kulturen aufeinandertreffen. Dann kommt man schnell zu der Erkenntnis, dass keine Kultur, keine Religion an sich kriminell ist, sondern dass Einzelne sich falsch verhalten. Und dass soziale Lebensbedingungen und der Bildungsstand die entscheidende Rolle bei der Frage spielen, ob jemand positiv zum Gelingen von Demokratie und Wohlstand beiträgt. Das gilt dann übrigens für Ausländer wie für Deutsche gleichermaßen.

Die Demonstranten nicht pauschal als Rechtsradikale zu verteufeln, ist das eine. Den Anfängen einer schleichenden Unterhöhlung der Demokratie von rechts zu wehren, ist aber das andere. Wer sich mit dem Bestsellerautor Volker Kutscher in seinem neuesten Roman "Märzgefallene" ins Berlin und Köln des Februar 1933 zurückversetzt, der versteht die Gefahr. Nicht viele ahnten damals, dass ihnen dunkle Jahre der Diktatur bevorstanden. Aber es waren viele Menschen aus der Mitte der Gesellschaft, die die Bauernfängerei der zunächst vergleichsweise harmlos daherkommenden Nazis nicht durchschauten.

Darin liegt auch im Jahr 2014 eine Gefahr, der man sich bewusst sein muss. Ausländerfeindlichkeit ist ein Phänomen, das in vielen Nationen jederzeit und nicht nur am gesellschaftlichen Rand abrufbar ist. Die Wahlerfolge der Rechtsextremen in Frankreich sind dafür nur ein Beispiel. Deshalb ist der beste Umgang mit "Pegida" jener, den Gegendemonstranten dieser Tage im Zentrum des rheinischen Katholizismus an den Tag gelegt haben: Die Kölner lassen sich die Demokratie nicht nehmen und den Spaß am Leben erst recht nicht. Das hat in Köln eine lange Tradition - auch weil dort die Integration so unnachahmlich gut gelingt: Man spricht Kölsch! Eine Urlaubswoche im Schatten des Doms könnte reichen - und mancher Demonstrant aus Dresden, der mit Ausländern praktisch nicht in Berührung kommt, wird die Welt mit anderen Augen sehen.


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