Wer sich selbst genügt

VON MICHAEL KLEIN

Deshalb ist der Rauswurf des renommierten Kriminologen Christian Pfeiffer, der den Missbrauch in der katholischen Kirche untersuchen sollte, aus kirchlicher Binnensicht nur folgerichtig. Die Deutsche Bischofskonferenz ist sich bei ihrer Entscheidung selbst genug. Wenn der Rest der Welt sie nicht versteht: Pech gehabt!

Kirchliches Recht muss sich nicht vor der Welt rechtfertigen, sondern allein vor Gott. Und was und wer Gott ist, definiert dieses Recht praktischerweise gleich mit. Auch der Missbrauch von Schutzbefohlenen, über Jahrzehnte von Priestern der katholischen Kirche begangen, darf nicht der Deutungshoheit der Bischöfe entzogen werden. Nach irdischem Recht wäre das etwa so, als überließe man im aktuellen Organspende-Skandal der Ärzteschaft selbst die Aufklärung des Korruptionssumpfes.

Sorge um den Datenschutz kann die Bischöfe bei ihrer Entscheidung nicht wirklich umgetrieben haben. Die Wissenschaftler sollten keinen direkten Einblick in Personalakten bekommen. Die Daten sollten vielmehr von kirchlichen Archivmitarbeitern und geschulten Juristen - etwa ehemaligen Richtern oder Staatsanwälten - erhoben und dann dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) zur Auswertung übermittelt werden. Das KFN wollte auch Opfer wie Täter befragen.

Es drängt sich also der Eindruck auf, dass katholische Bischöfe Angst vor einer gründlichen Aufklärung des Missbrauchs Minderjähriger durch den eigenen Berufsstand haben. Nur so erklärt sich die Aufkündigung der Zusammenarbeit mit dem KFN, das für seine unabhängige Arbeit bekannt ist. Denn genau das wollen diese Bischöfe nicht: eine unabhängige Aufklärung der Missbrauchsfälle bis in die heutige Zeit. Diese Geistlichen wollen sich ihre eigene Wirklichkeit erschaffen. Dem kann ein unabhängiger Kopf wie der Kriminologe Pfeiffer sich natürlich nicht unterordnen.

Pfeiffer wird dennoch weiterarbeiten. Wenn nicht im Auftrag der Kirche, dann erstellt er eben selbst eine Studie zum Missbrauch. Diese wird nun noch höhere Aufmerksamkeit erhalten, weil jedermann weiß, dass sie ohne Einflussnahme der Kirche zustande gekommen ist.

Die katholischen Bischöfe wiederum, auch wenn viele von ihnen zunächst mit Pfeiffers Rauswurf nicht einverstanden waren, haben ihrer Kirche den größtmöglichen Imageschaden zugefügt. Wer sich selbst genügt, dem ist das allerdings egal. Dass dabei die Opfer verhöhnt werden, wohl auch.


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