Wie die Kassen Kasse machen

VON MICHAEL KLEIN

Davon ist Deutschland nach wie vor weit entfernt. Aber die weltweite Vorbildfunktion hat unser Gesundheitssystem längst eingebüßt: Mehr und mehr hängt die Gesundheit hierzulande vom Geldbeutel des Patienten ab. Zumindest dann, wenn er gesetzlich versichert ist. Der Grund: Immer mehr medizinische Leistungen, die bislang als sinnvoll oder gar notwendig galten, werden von den Kassen nicht mehr bezahlt. Wer nach den Gründen sucht, warum die gesetzlichen Krankenkassen derzeit im Geld schwimmen, kann auch hier fündig werden: Sie machen Kasse auf dem Rücken der Patienten.

Dabei ist die Praxisgebühr nicht einmal die größte Hürde, die Kassenpatienten bei der Suche nach einer guten Gesundheitsversorgung überwinden müssen. Die Praxisgebühr ist vor allem ein Instrument, das mündige Bürger entmündigt. Es sorgt zum Beispiel dafür, dass Patienten, die unzweifelhaft fachärztliche Hilfe benötigen, gleichwohl erst den Hausarzt konsultieren, um sich dort eine Überweisung zu holen. Privatversicherten werden solche Umwege nicht zugemutet - zu Recht. Hinzu kommt, dass die Praxisgebühr Menschen mit geringem Einkommen vom Arztbesuch abhält, auch wenn dieser dringend nötig wäre.

Damit schießen sich die Krankenkassen langfristig ein Eigentor. Denn zu spät erkannte Krankheiten belasten nicht nur den Patienten, sondern durch eine viel teurere Behandlung zum späteren Zeitpunkt auch die Kasse.

Doch was ist die Praxisgebühr eigentlich gegen die vielen Zuzahlungen, die Kassenpatienten inzwischen leisten müssen? Beispiel Augenarzt. Wer sich dort einer Routinekontrolle unterzieht, ist - ohne Überweisung - nicht nur 10 Euro Praxisgebühr los, sondern zusätzlich 20 Euro für eine sinnvolle Früherkennung des Grünen Stars und weitere 20 Euro dafür, dass der Arzt den Patienten über das richtige Brillenglas informiert. Zusammen mit 10 Euro für ebenfalls notwendige Augentropfen kostet dieser keineswegs untypische Arztbesuch also 60 Euro. Und nicht wenige Patienten fragen sich: Wofür zahle ich eigentliche Krankenkassenbeiträge?

Solidarisch ist dieses System längst nicht mehr. Nicht nur wegen der von den Kassen verweigerten Leistungen. Auch die Art der Beitragserhebung ist in höchstem Maße ungerecht. So zahlt zum Beispiel ein Spitzenverdiener, der freiwillig gesetzlich versichert ist, für seine sechsköpfige Familie denselben Beitrag, den ein freiwillig Versicherter mit geringerem Einkommen nur für sich selbst aufbringen muss. Der Versicherte mit dem geringeren Einkommen subventioniert also den Reichen. Ist es da eigentlich erstaunlich, dass viele, die es können, zur Privatversicherung wechseln?

Was auch immer die Koalition demnächst zur Verwendung der Milliardenüberschüsse der Krankenkassen beschließt: Es wird wieder nur an einer kleinen Stellschraube gedreht. Dabei müsste das deutsche Gesundheitssystem einem gründlichen Check unterzogen werden. Oder verfährt die Politik längst wie die Krankenkassen: Statt sinnvoller Früherkennung wird die Rechnung einfach an die nächste Generation weitergereicht?


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