Willkürliches Moralurteil

"Unwort des Jahres"

Von Klaus P. Andriessen

Die Aufregung darüber, so gestern Jury-Sprecherin Nina Janich, sei nicht öffentlichkeitswirksam genug gewesen. Was also lag näher, als das Wort den vielen anderen vorgeschlagenen "Unwörtern" vorzuziehen? So konnte der inzwischen fast vergessene Kachelmann wegen seiner Ansichten noch einmal an den Pranger gestellt werden. Kein Wunder, dass ausgerechnet Alice Schwarzer, deren Parteinahme gegen Kachelmann während des Prozesses Schlagzeilen gemacht hat, gestern umgehend der Wahl applaudierte.

Dem berechtigten Anliegen, den Sprachgebrauch kritisch zu hinterfragen und gern benutzte, aber böse Wörter zu brandmarken, hat die Jury keinen Dienst erwiesen. Das ist umso unverständlicher, als mit den ebenfalls kritisierten Unwörtern "Lebensleistungsrente" und "Pleite-Griechen" hervorragende Kandidaten zur Verfügung standen: Die "Lebensleistungsrente" will eine traurige Realität schönreden und die "Pleite-Griechen" verunglimpfen Millionen von Menschen. "Opfer-Abo" kann im kritisierten Sinn nur jemand verstehen, der weiß, was Kachelmann damit gemeint hat. Das reicht nicht für ein "Unwort des Jahres".


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