Chancen und Risiken der „Arbeit 4.0“

Fachtagung  Wirtschaft, Politik, Gewerkschaften, Schulen und Bürger diskutieren Folgen der Digitalisierung

Die Digitalisierung in Unternehmen ist seit Jahren Top-Thema. Was aber bedeutet die Entwicklung für die Arbeitnehmer? Damit beschäftigte sich die Fachtagung. (Foto: Steffen/dpa)
Welche Entwicklungen im Lahn-Dill-Kreis durch die Digitalisierung angestoßen werden könnten, stellten Professor Anita Röhm und Marco Weißler während der Fachtagung dar. (Foto: privat)
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In zwei Fachvorträgen von Experten, ergänzt durch Stellungnahmen von den Verantwortlichen vor Ort, wurde die Zukunft der „Arbeit 4.0“ beleuchtet.

Der Kreisbeigeordnete Stephan Aurand (SPD) stimmte die Gäste darauf ein, dass die Digitalisierung bereits in vollem Gange ist, doch die Konsequenzen häufig nur punktuell und plakativ beleuchtet würden. Aurand: „Es ist wichtig, sich mit allen Facetten zu beschäftigen, damit man die Entwicklung nutzen kann und nicht Opfer wird.“

Professor Anita Röhm von der Technischen Hochschule Mittelhessen, die durch die Veranstaltung führte, erläutert in einem lebendigen Vortrag die technische Entwicklung.

Deren Geschwindigkeit habe enorm zugenommen. Erfolgten vergangene industrielle Revolutionen noch über Jahrzehnte, so verdoppele sich zurzeit der Fortschritt in den digitalen Bereichen alle zwei Jahre. Die Verkürzung auf „Industrie 4.0“ werde der Entwicklung nicht gerecht, meinte die Professorin. Passender sei es, von der Entwicklung hin zur „Gesellschaft 4.0“ oder zumindest zur „Arbeit 4.0“ zu sprechen. Bildung und Veränderungsbereitschaft seien Voraussetzung für eine gute Zukunft.

Marco Weißler vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung Hessen zeigte anhand einer aktuellen Studie für Hessen die zu erwartenden Wirkungen für den Lahn-Dill-Kreis auf.

Im Fertigungsbereich gibt es viele Tätigkeiten, die Computer übernehmen könnten

Aus Sicht der Wissenschaft seien alle Arbeiten von der Digitalisierung betroffen, wenn auch in stark unterschiedlichem Maße. Der Lahn-Dill-Kreis mit seinem Schwerpunkt im Fertigungsbereich hat aus Sicht der Forscher ein hohes Substituierbarkeitspotenzial Tätigkeiten, die theoretisch schon heute von Computern oder computergesteuerten Maschinen übernommen werden können. Das bedeute, Helfer, Facharbeiter und Spezialisten könnten künftig in einem erheblichen Maß von den Veränderungen betroffen sein, so Weißler, weil sich viele ihrer Tätigkeiten wiederholten. Männer in Fertigungsbereichen würden voraussichtlich stärker betroffen sein als Frauen in den Dienstleistungsberufen.

Nicht absehbar sei, ob die Arbeitsplätze, die durch die Digitalisierung wegfallen, im selben Umfang durch neue Stellen ersetzt werden. Erhöhung der Arbeitsleistung, körperliche Entlastung, Arbeitsverdichtung und Nutzung der Informations- und Kommunikationstechnologien sind Aspekte der technologischen Neuerungen.

Die Digitalisierung werden Tätigkeiten ersetzen, aber auch ergänzen und unterstützen, sagte Weißler. Doch auf die zuletzt positive Beschäftigungsentwicklung im Lahn-Dill-Kreis lasse sich gut aufbauen.

„Die Firmen nehmen die Herausforderung der Digitalisierung an“, berichtete Martin Kandziora von Rittal. Den Rittal-Beschäftigten seien dazu zahlreiche Weiterbildungsangebote bis zum beruflichen Abschluss gemacht worden. Kandziora fordert die Arbeitnehmer auf, sich aktiv zu beteiligen.

Für die Kreishandwerkerschaft Lahn-Dill stellte Geschäftsführer Sebastian Hoffmanns an praktischen Beispielen dar, wie das Handwerk die Chancen der Digitalisierung aktiv nutze: Darunter der Dachdecker, der Drohnen für seine Berechnungen und Qualitätssicherung einsetzt, oder das Malerhandwerk, das digital Aufmaß, Angebot, Baufortschritt, Abrechnung und Buchhaltung vernetze.

Zur Sicht der Arbeitnehmer sprach Hans-Peter Wieth, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Herborn. „Wir wünschen uns, dass die Arbeitgeber ihre Verantwortung für ihre Mitarbeitenden wahrnehmen und nicht den Gewinn in den Mittelpunkt stellen“, sagte Wieth und zeigte die Risiken für die Menschen in der Region auf. Für den Lahn-Dill-Kreis sei es wichtig, dass die Menschen bei der Entwicklung der Industrie nicht vergessen werden, auch für sie müssten perspektiven entwickelt werden. Mit Sorge beobachte er die Entwicklung bei einigen Firmen.

GWAB-Geschäftsführerin Kerstin Gerbig mahnte: „Bildung ist der Schlüssel für erfolgreiche Veränderungen. Es ist wichtig, nicht nur in den Betrieben zu fördern.“ Es sei Aufgabe der Gesellschaft, auch die Grundbildung wieder stärker zu fördern und die berufliche Nachqualifizierung stärken. Die geplante Stärkung der Agentur für Arbeit bei der aktiven Begleitung von Berufstätigen durch Beratung und Weiterbildung begrüßte Gerbig.

Jobcenter-Vorstand Peter Dubowy schlug den Bogen zu den Menschen, die im Kreis Arbeit suchen. „Wir müssen diesen Menschen Angebote machen. Dabei ist entscheidend, dass Arbeitgeber ihnen eine Chance geben und sie unterstützen.“ Für die Zukunft sei es dabei auch wichtig, Migranten mit ihren Lernerfahrungen aufzunehmen. Dubowy wünschte sich, dass es gelingt, den Kindern und jungen Menschen Perspektiven aufzuzeigen und sie so zu fördern, dass sie nicht den Hartz-IV-Bezug ihrer Eltern fortsetzen.

Menschen, die diese Dynamik nicht mitgehen können, dürfen nicht abgehängt werden

Laut Landrat Wolfgang Schuster (SPD) sind alle Beteiligten gefordert, die Herausforderungen anzunehmen. Chancen und Risiken lägen dicht beieinander. Politik könne wichtige Rahmenbedingungen schaffen, gefordert seien die Tarifparteien. Die Umsetzung erfolge dann auf betrieblicher Ebene.

Für Menschen, die diese Dynamik nicht mitgehen können, forderte der Landrat, dass geförderte Beschäftigungsangebote durch die Bundespolitik gestärkt werden. (red)


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