Berlinale in schwerem Fahrwasser - Neuer Chef gesucht

Filmfestival
Dieter Kosslick
Der Wirbel ist groß: Es wird ein Nachfolger für Berlinale-Chef Dieter Kosslick gesucht. Foto: Jens Kalaene
Monika Grütters
Monika Grütters räumt mit einigen Gerüchten auf. Foto: Paul Zinken
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Die Diskussion um die Zukunft der Berlinale hat erst begonnen - doch schon jetzt ist der Ruf des größten Publikumsfestivals der Welt beschädigt.

Rund 80 Regisseurinnen und Regisseure - darunter Fatih Akin, Maren Ade und Volker Schlöndorff - forderten in einer Petition einen kompletten Neustart der Berlinale. Kosslicks Vertrag läuft 2019 aus. Am Montagabend trafen sich nun Berlinale-Kritiker wie die Regisseure Schlöndorff («Rückkehr nach Montauk», «Die Blechtrommel») und Christoph Hochhäusler («Milchwald») und die für die Besetzung des Berlinale-Chefpostens zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU).

Der 69-jährige Kosslick selbst war bei der Podiumsdiskussion im Berliner Haus der Kulturen der Welt nicht dabei. Grütters hielt zu Beginn der Debatte eine Rede, in der sie Kosslicks Leistungen unter dem Applaus des Publikums ausdrücklich würdigte und gleichsam Schadensbegrenzung betrieb. Gleichzeitig erklärte sie, wie es nun mit der Berlinale weitergeht.

«Falsch ist das Gerücht, gesucht würde eine deutsche Frau», sagte Grütters. «Richtig ist: Es gibt keinerlei Vorfestlegung auf eine weibliche oder deutsche Nachfolge.» Ebenso falsch sei das Gerücht, «wonach der Name Dieter Kosslick für eine Schlüsselposition nach 2019 gesetzt ist. Richtig ist: Es gibt keinerlei Vorfestlegung auf bestimmte Personen, in welcher künftigen Führungsstruktur auch immer.»

Dem Berlinale-Aufsichtsrat werde sie vorschlagen, Experten aus der Filmbranche beratend hinzuzuziehen, erklärte die Kulturstaatsministerin. Sie sollen den Aufsichtsratsmitgliedern Vorschläge für eine künftige Struktur und die damit verbundenen Personalentscheidungen unterbreiten. Eine Entscheidung über die Nachfolge werde dann im kommenden Jahr getroffen. Zuletzt war immer wieder eine Trennung von Geschäftsführung und künstlerischer Leitung ins Gespräch gebracht worden.

Wie will sich die Berlinale international positionieren? Und was unterscheidet sie von den Konkurrenzfestivals in Cannes und Venedig? Es sind vor allem die vielen Kinoliebhaber, die in Berlin nicht auf einen Platz am Rande des roten Teppichs verbannt werden, wenn sie ihre Stars in Aktion sehen wollen.

Anders als in Cannes und Venedig sind die Vorstellungen der Berlinale nämlich nicht nur Fachpublikum vorbehalten. Die Berlinale verkauft jedes Mal rund 350.000 Kinokarten. Nicht zuletzt eine Einnahmequelle für die vom Bund finanzierte Kulturveranstaltung, die mit der geforderten Verschlankung des Festivals wegfallen würde.

Christoph Hochhäusler als Mitunterzeichner der Petition geriet bei seiner Argumentation für eine Neuerfindung des Festivals immer wieder in die Defensive und wurde teils sogar mit Buhrufen und Pfiffen aus dem Publikum bedacht. «Eine Profillosigkeit kann ich als Berlinale-Besucherin nicht erkennen», sagte Bettina Reitz, Präsidentin der Filmhochschule München.

Oscar-Preisträger Volker Schlöndorff, ebenfalls Unterzeichner der Erklärung, meinte, Kosslick habe eine Öffnung des Festivals bewirkt, den deutschen Film geholt und es geschafft, dass sich deutsche Filmemacher mit dem Festival identifizieren. «Cannes ist elitär», meinte Schlöndorff mit Blick auf den Kunstbegriff beim französischen Festival. Die Berlinale dagegen punkte als politisch engagiertes und für das breite Publikum zugängliches Festival.

Kosslick selbst hatte in einer ersten Stellungnahme nach der Veröffentlichung der Petition zunächst sachlich und verständnisvoll reagiert und erklärt, er könne den Wunsch der Filmemacher nach einem transparenten Prozess der Neugestaltung der Berlinale verstehen. In Interviews ließ er dann aber seiner Wut und Enttäuschung über das Berlinale-Bashing freien Lauf. «Eine schlechte Nummer. Die Sitten verrohen nicht nur im Internet, fürchte ich», meinte er bei «Bild» und «B.Z.». Das Filmgeschäft sei «teilweise schon sehr bösartig».

Man kann sich fragen, welche «herausragende kuratorische Persönlichkeit» unter diesen Umständen in Zukunft Lust hat, das Festival zu leiten. «In Berlin hat man die Spezialität, dass erst mal der Direktor fertig gemacht wird. Das hat man gerade erst an Chris Dercon erlebt», sagte Kosslick der «Berliner Morgenpost» mit Blick auf die massive Kritik an dem neuen Intendanten der Berliner Volksbühne.

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