Zur Kulturgeschichte des Spielplatzes

Am Anfang war die Sandkiste
Spielplatz-Ausstellung
Ein nachgebauter Teil eines Abenteuerspielplatzes in der Bundeskunsthalle. Foto: Rolf Vennenbernd
Spielplatz-Ausstellung
Spielgeräte aus den 60er und 70er Jahren in der Ausstellung "The Playground Project" in Bonn. Foto: Rolf Vennenbernd
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Dabei raten Experten dringend davon ab, weil der Helm hängen bleiben und das Kind im schlimmsten Fall strangulieren kann. Davon abgesehen, könnte man übervorsichtigen Eltern den Rat geben: Besucht die Bundeskunsthalle!

In dem Bonner Museum gibt es bis zum 28. Oktober auf großen Fotos Dinge zu sehen, die sie überraschen dürften: Kinder und Jugendliche erklimmen an Seilen einen selbst zusammengezimmerten haushohen Turm. Sie schmoren Stöcke in einem offenen Feuer. Sie heben Gänge aus. Ohne Aufsicht! Vor ein paar Jahrzehnten ging das noch alles. Die Ausstellung dokumentiert die Geschichte des Spielplatzes, in der sich immer auch Politik und Gesellschaft spiegeln.

Am Anfang war die Sandkiste, damals «Sandhaufen» genannt. Ende des 19. Jahrhunderts richteten viele Städte wie Hamburg, Dresden, Stuttgart und Leipzig solche Sandspielplätze ein. «Ein Platz im Sonnenlicht und ein großer Sandhaufen zum Selberschaffen, zum Bauen und Graben, das ist in der kleinen Welt schon ein Paradies der Jugendfreude», hieß es 1909 in der Schrift «Das Spielen der Kinder im Sande». Die erste amerikanische Sandkiste wurde nach deutschem Vorbild in Boston angelegt.

Die ersten Spielplätze waren Schutzräume, die Kinder vor den Gefahren der industrialisierten Großstadt bewahren sollten. Bis heute sind Spielplätze in erster Linie ein Stadtphänomen. Die Kuratorin der Ausstellung, Gabriela Burkhalter, ist als Kind nie auf Spielplätzen gewesen, weil sie auf dem Land aufwuchs: «Wahrscheinlich hat gerade das mein Interesse geweckt.»

Vor allem zwischen 1950 und 1980 war der Spielplatz ein Experimentierlabor. Pädagogen, Stadtplaner, Landschaftsarchitekten und Künstler brachten sich ein. So erfand der Bildhauer Joseph Brown (1909-1985) die Kletterspinne: Als ehemaligem Profiboxer war es ihm wichtig, dass die Kinder in einem solchen «Zappelnetz» ihr Balancegefühl trainierten. Ein Exportschlager war der «Lozziwurm» des Schweizer Künstlers Iwan Pestalozzi - eine gewundene Röhre, durch die Kinder hindurchklettern konnten. Sie bildet den Mittelpunkt der Bonner Ausstellung, in deren Outdoor-Teil man sich selbst ausleben kann.

Mittlerweile war aber auch eine Gegen-Bewegung zu «Schaukeln auf Asphalt» entstanden: der Abenteuerspielplatz. Hier sollten die Kinder selbst die Designer sein und sich mit Hammer, Nagel und Schaufel ihre eigene Welt gestalten. Der erste deutsche Abenteuerspielplatz entstand 1967 im Märkischen Viertel in West-Berlin, einer Trabantenstadt voller Hochhäuser. Ein «Playworker» aus London leitete die Deutschen an - in England hatte man damals schon 20 Jahre Erfahrung. Abenteuerspielplätze - zeitgemäß abgekürzt mit ASP - galten in der jungen Bundesrepublik als linke, antiautoritäre Projekte.

In den USA konnte sich das Konzept nie durchsetzen - man befürchtete Unfälle und hohe Schadensersatzforderungen. Die Angst vor Klagen hat mittlerweile zur Schließung vieler amerikanischer Spielplätze geführt - oder zu einer so radikalen Umgestaltung, dass sie höchstens noch für Kleinkinder attraktiv sind. Soweit ist es in Deutschland noch nicht, aber auch hier wird der Sicherheitsaspekt immer wichtiger, die Freiräume schwinden.

Allerdings sieht Burkhalter ein wachsendes Interesse an innerstädtischen Spielmöglichkeiten unter freiem Himmel: «Das auch unter dem Online-Aspekt - man befürchtet, dass die Kinder nicht mehr rausgehen und sich zu wenig bewegen.» Für Metropolen seien Spielplätze zudem eine Prestigesache, mit der sie ihre Kinderfreundlichkeit im internationalen Wettbewerb unter Beweis stellen wollten.

Website zur Ausstellung

Outdoor-Teil der Aussstellung


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