"Blue Baroque" in St. Thomas-Morus-Kirche in Gießen

Meister ihres Fachs, meisterlich im Zusammenspiel: Jakob Handrack und Christine Theiß beim Konzert in St. Thomas Morus.  Foto: Schultz

Orgel und Flöte in Harmonie: Christine Theiß und Jakob Handrack begeistern Zuhörer bei der 45. Orgelvesper unter dem Motto "Blue Baroque".

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. GIESSEN. Ungewohnte und vor allem heitere Töne erklangen jetzt bei der Orgelvesper in der St. Thomas-Morus-Kirche. Selten war dabei die Kombination der Instrumente, hier fanden sich nämlich Orgel und Querflöte zu harmonischer Kooperation zusammen. Das Motto war "Blue Baroque". Als Gast musizierte Christine Theiß aus Wetzlar auf der Flöte, Jakob Handrack spielte die Orgel und bescherte den Zuhörern neue klangliche Erlebnisse.

Theiß erhielt ihre erste musikalische Ausbildung an der Wetzlarer Musikschule in Klavier und Musiktheorie. Später kam dann ihr Hauptinstrument hinzu, die Querflöte. Ihr Musikstudium absolvierte sie in Mainz, neben Studien in Tonsatz und Dirigieren hauptsächlich in den Flötenklassen von Herbert Grimm und Prof. Mirjam Nastasi sowie in der Klavierklasse von Poldi Mildner. Während und nach dem Studium Meisterklassen unter anderem in Orchesterleitung bei Sergiu Celibidache, 1991 Diplom in Querflöte.

Jakob Handrack ist seit 2007 Organist und Kirchenmusiker an der St.Thomas-Morus-Kirche. Klavierunterricht bei Manfred Becker und Orgelunterricht bei Regionalkantorin Regina Engel, 2002 absolvierte er die kirchenmusikalische C-Ausbildung am Institut für Kirchenmusik im Bistum Mainz. Auf seine Initiative findet seit 2009 regelmäßig die Reihe der Orgelvespern mit dem Ziel statt, durch vielfältige Repertoire-Auswahl ein breites kirchenmusikalisches Publikum anzusprechen und in erster Linie neben- und ehrenamtlichen Musikern eine künstlerische Plattform zu bieten.

Handrack begrüßte die Besucher, die mit Abstand in der geräumigen Kirche Platz genommen hatten, zur immerhin 45. Orgelvesper. "Unsere erste Veranstaltung nach einer Pause", sagte er. Mit dem "Thinking It Over Blues" von Dennis Armitage (1928-2005) klärte sich dann sogleich die musikalische Richtung. Die Orgel swingte zunächst sanft, ja bedächtig, dann auch jugendlich, die Flöte umschweifte das Geschehen. Mit einem zarten Orgelintro eröffnete Handrack Prelude und Aria aus John Rutters (*1945) "Suite Antique". Theiß ließ die Flöte sich darüber erheben und leicht melancholische Anflüge spürbar werden. Hier herrschte vertraute Harmonik, es entstand eine besinnliche gute Atmosphäre. Dann "Blue Baroque" (Rondeau, Menuet, Polonaise) aus der Orchestersuite h-Moll, BWV 1067, von J.S. Bach, arrangiert von Mike Cornick (*1947). Es war das Hauptwerk des Abends und eindeutig der erste Höhepunkt. Im ersten Satz herrschte eine klassische Anmutung, besonders die Orgel agierte besinnlich. Dann ein gemessenes Miteinander. Beschwingt, mit sehr schönen Klangwechseln und gut gewählten klanglichen Elementen - sehr leichtfüßig. Insgesamt sehr variantenreich und differenziert musiziert - schön anregend. James Curnows (*1943) "Fantasy for Alto Flute" gab Theiß Gelegenheit, sich ganz zu entfalten. Sehr angenehm und grundsätzlich groß ausgeführt, brachte die Orgel starke dunkle Farben ein. Die Altflöte schwebte stimmig oszillierend über allem und agierte sehr zurückhaltend, kam dann zu tänzerischer Leichtigkeit. Gemeinsam fand man zu angemessener, sanfter Melodik, die Flöte mit vollem Klang ergänzte kongenial die Orgel. Ein stimmiges Fließen mit leicht abstrahierenden Elementen; ein attraktiver Abschluss: sehr gut.

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John Rutters "Chanson & Ostinato" aus der Suite Antique begann mit einem träumerischen Intro, sehr gut in den Hall eingepasst. Hier herrschte ein besonders gutes Miteinander der Stimmen, vor allem von Flöte und Orgeltimbre. Im zweiten Satz ging es heiter, leicht und locker zu, dabei schön romantisch. Vielleicht die kraftvollste Aktion der Flöte erlebte man in Francesco Brazzos "Song & Blues" (1991). Das war schwer, ja schwermütig im Aufklang - ein Ausflug ins Reich der tiefen und tiefsten Töne. Insgesamt aber eher zurückgenommen, ein Glanzlicht. "Free Time" von Dennis Armitage überzeugte mit fröhlichen Blue Notes, eigentlich schon im Marching-Stil, einer frischen Abwechslung und einem Ansatz zum klassischen Orgelende, wurde dann aber mit einem frechen spitzen Akzent beendet. Heiter!

Das Finale mit dem Klassiker "Summertime" aus "Porgy and Bess" von George Gershwin erklang mit Flügel und Flöte. Ersterer versank teilweise im starken Raumhall, den die Orgel noch leicht überflügelt hatte, ein Problem, das Theiß nicht hatte. Ganz sanft und mit zeitgenössischem Abschluss fügte sich dieses Duo fast bescheiden ans Ende des Programms. Starker, lange anhaltender Beifall war der Dank der sehr angetanen Zuhörer, die zwei Zugaben erhielten.