Deutsche Philharmonie Merck spielt Video-Konzert

aus Coronavirus-Pandemie

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Jeder für sich und alle gemeinsam: Mitglieder der Deutschen Philharmonie Merck bei ihrer "Lohengrin"-Aufnahme.   Foto: Philharmonie Merck

Achtzig Musiker spielen während des Corona-Lockdowns daheim ihre Stimme, mit Klicken im Ohr und Dirigent auf dem Schirm, im Video wird daraus lebhafte "Lohengrin"-Musik.

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. Gerade erst hat Juliane Baucke im Video-Blog des Darmstädter Staatstheaters erzählt, dass sie lieber "Lohengrin" geprobt hätte. Jetzt sieht man die Hornistin auf einem anderen Youtube-Video - ausgerechnet mit Lohengrin. Die Deutsche Philharmonie Merck hat das effektvolle Vorspiel zum dritten Akt von Richard Wagners Oper gewählt, um sich aus der Corona-Zwangspause bei ihrem Publikum zu melden. Anfang Mai war es verfügbar, inzwischen haben weit über 6000 Menschen das Video aufgerufen. Nicht schlecht in einer Zeit, in der das Netz überzulaufen scheint von künstlerischen Beiträgen, die über das fehlende Live-Erlebnis hinwegtrösten sollen.

Gerade das war auch der Grund, erst einmal abzuwarten, erzählt Intendant Stefan Reinhardt. Einfach nur ein weiteres Mosaiksteinchen ins weltweite Allerlei zu werfen, hätte dem Anspruch dieses Klangkörpers auch nicht genügt.

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Herausforderung passt zu Ehrgeiz der Truppe

Aber dann war der Trennungsschmerz vom Publikum und auch vom gemeinsamen Musizieren wohl doch zu groß - und als der Chefdirigent Ben Palmer den "Lohengrin"-Auszug ins Gespräch brachte, war die Entscheidung gefallen. Denn dieses Stück in der Isolation dezentral aufzunehmen, ist eine Herausforderung, die zum Ehrgeiz dieser Truppe passt. Und auch ein großes Orchester kann wendig sein. Am Anfang der letzten Aprilwoche stand das Stück fest, zwei Tage später waren knapp achtzig Musiker Feuer und Flamme für die Idee, ihre jeweils eigene Stimme zuhause aufzunehmen. Tags darauf stand Ben Palmer in seinem Londoner Arbeitszimmer und baute die Kamera auf.

Denn was im Wechsel aus kleinen und großen Bildkacheln zu sehen und zu hören ist, folgt einem kniffligen Produktionsprozess. Palmer dirigierte daheim in England - im Ohr nichts als die eigene Klangvorstellung und ein Klicken, das die Takte markiert. Einen ganzen Tag hat der Präzisionsfanatiker daran getüftelt, den Musikern eine Vorlage zu liefern, die möglichst instruktiv durch die lebhafte Partitur führt.

Mit Klicken im Ohr

Ihren Chef vor Augen, das Klicken im Ohr stehen die Musiker daheim und halten das Instrument in der Hand. Es beginnt mit einem Fingerschnippen, das ist wichtig für den Tonmeister Dave Rowell, der die Einzelaufnahmen später zum Orchesterstück zusammenstellen wird. Gar nicht so einfach, denn kleine Unschärfen sind bei dieser Methode nicht zu vermeiden, und deshalb verzichtet Palmer auch auf sein Ideal eines vibratoarmen Spiels. Ein wenig Klangschwebung hilft, den kompakten Sound zu formen.

Und das gelingt erstaunlich gut, die Interpretation, aus der Isolation entstanden, entwickelt gemeinsamen Schwung. Natürlich, ein echtes Konzert, in dem die Luft vibriert, ist ganz etwas anderes als der Klang auch aus besseren Computer-Lautsprechern. Aber die Bildregie von Jessie Rodger lenkt ziemlich raffiniert die Aufmerksamkeit des Hörens, wechselt von der Tutti-Ansicht aus 72 Minibildchen zur Fanfaren-Eröffnung in verschiedene Kombinationen der gerade besonders prominent aktiven Instrumente.

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Und die Freunde der Deutschen Philharmonie Merck werden staunen, wie viele der Gesichter ihnen vertraut sind: Noch mehr als im Konzert ist hier zu erleben, dass ein Orchester zwar gemeinsam auftritt, aber eine Gruppe von künstlerischen Individuen ist. Nicht zuletzt deswegen war es dem Intendanten wichtig, dass alle Musikernamen im Abspann erscheinen. Wenn sie am Ende ihre Kameras ausschalten und ein Gesicht nach dem anderen vom Bildschirm verschwindet, wird man für einen winzigen Augenblick wehmütig.

Aber der Vorteil gegenüber dem Konzert ist, dass man gleich wieder von vorne beginnen kann. Tatsächlich gelingt das kleine Wunder, dass man die knapp vier Videominuten gerne mehrmals anschaut. Das Video wurde im Intranet des Unternehmens verbreitet, Stefan Reinhardt sammelte begeisterte Komplimente aus aller Welt. Und selbst viele Musiker waren gerührt, als sie endlich nicht mehr nur sich selbst, sondern auch ihre Kollegen hören konnten. Wer sich noch eine Zusatzfreude machen will, schaut sich noch Ben Palmers Videogruß auf dem Youtube-Kanal des Orchesters an, der davon berichtet, wie schmerzhaft auch für dieses Orchester die Trennung von seinem Publikum ist.

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