Einfühlsame Darstellung eines außergewöhnlichen Frauenlebens

Anne Webers preisgekröntes Werk ist ein literarisches Experiment über das einzigartige Leben einer 96-jährigen Französin. Archivfoto: dpa
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Die deutsch-französische Schriftstellerin Anne Weber, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2020, stellte im Kino Traumstern ihr preisgekröntes Buch „Annette, ein Heldinnenepos“ vor.

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LICH. LICH. Kaum ist der strikte Lockdown gelockert, konnte sich das Kino Traumstern am Wochenende gleich über einen prominenten Gast freuen. Die deutsch-französische Schriftstellerin Anne Weber, Trägerin des Deutschen Buchpreises 2020, stellte vor zahlreichen Besucherinnen und Besuchern ihr preisgekröntes Buch vor. „Annette, ein Heldinnenepos“ ist die Geschichte der französischen Résistancekämpferin Annette Beaumanoir.

Sibylle Starzacher vom Förderverein der Stadtbibliothek und Peter Damm, Vorsitzender des Vereins „künstLich“ freuten sich, dass diese Veranstaltung nach zweimaliger Corona-bedingter Absage endlich zustande gekommen war. Die Stadt Lich ist seit 1974 Partnerstadt des kleinen südfranzösischen Städtchens Dieulefit und in eben diesem Ort hat Annette Beaumanoir lange Jahre gelebt.

Zunächst ein Wort zur Autorin: 1964 wurde Anne Weber in Offenbach geboren, besuchte in Büdingen das Gymnasium und legte 1983 dort auch ihr Abitur ab. Im selben Jahr noch ging sie nach Paris, wo sie französische Literatur und Komparatistik an der Sorbonne studierte. Anne Weber lebt bis heute in Paris. Von 1989 bis 1996 arbeitete sie in verschiedenen französischen Verlagen und übersetzte Texte deutscher Gegenwartsautoren und Sachbücher ins Französische. Seit 1998 schreibt sie auch eigene Werke, die sie anfangs in französischer Sprache verfasste und sie später ins Deutsche übersetzte. Inzwischen schreibt Anne Weber ihre Texte zuerst in deutscher Sprache, so auch ihr preisgekröntes Buch „Annette ein Heldeninnenepos“.

Anne Weber kündigte an, dass sie nicht ausschließlich Textpassagen vorlesen, sondern zwischendurch auch immer wieder die Texte durch Erzählungen ergänzen wolle. Anschließend noch eine Fragerunde für die Zuhörer. Ein gelungenes Konzept, das gut aufging: 90 Minuten spannendes und emotionales Lesegenuss auf hohem Niveau.

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Die Autorin stellte zunächst kurz die Biografie ihrer realen „Heldin“ vor. Annette Beaumanoir wurde 1923 in der Bretagne geboren, schon mit 17, 18 Jahren schloss sie sich der Résistance an und rettete das Leben von drei jüdischen Kindern. Dies stieß bei ihren kommunistischen Auftraggebern auf scharfe Kritik, weil sie mit ihrer Einzelaktion die ganze Organisation gefährden könnte. Sie machte im Süden Frankreichs weiter, wo sie auch für Gaullisten und andere Résistance-Einheiten arbeitete.

Nach dem Krieg heiratete sie, bekam zwei Kinder und arbeitete als Neurophysiologen, ein zufriedenes bürgerliches Leben. Doch dann kam der Algerienkrieg, Annette Beaumanoir bekam die Ungerechtigkeiten der Kolonialwelt bei einem Besuch in Algier hautnah zu spüren und entschied sich wieder für Botendienste im Untergrund. Doch sie wurde gefasst und zu zehn Jahren Haft verurteilt, der sie nur knapp durch Flucht entging. Nach Frankreich zurück konnte sie aber in den kommenden Jahren nicht mehr. Inzwischen wohnt bei einem Sohn in der Bretagne. Berühmt geworden ist sie in Frankreich kaum, vermutlich wegen ihres „terroristischen Einsatzes“ im Algerienkrieg,

Die Autorin hat die damals schon über 80-jährige Annette Beaumanoir bei einem Filmseminar in Dieulefit kennengelernt und war sofort von der kleinen lebhaften Frau tief beeindruckt. Nach vielen Gesprächen und Quellenstudium ist dieses Buch entstanden, keine Dokumentation, aber auch kein Roman, sondern die nach Auffassung der Autorin einzig mögliche, uralte Kunstform des Heldenepos. Das Buch ist in freien Versen geschrieben. „Das ist keine Lyrik, keine Metrik, aber ich habe beim Schreiben einen Rhythmus gefunden“, unterstrich Anne Weber. „Man kann das Buch aber auch als ganz normalen Roman lesen.“

Nach vielen Erzählungen dann endlich der erste Textabschnitt: Anne Weber liest gleich die erste ihres Buches vor:

„Sie ist sehr alt, und wie es das Erzählen will, ist sie zugleich noch ungeboren. Heute, da sie fünfundneunzig ist, kommt sie auf diesem weißen Blatt zur Welt – in eine undurchdringliche Leer, in die sie lange runde Maulwurfblicke wirft und die sich nach und nach mit Formen und mit Farben, mit Vater Mutter Himmel Wasser Erde füllt.“

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Es folgt die Schilderung einer Kindheit in der Bretagne, der Vater ist Kommunist, die Mutter nennt er liebevoll „Suffragette“, keine Wunder also, dass die Tochter in deren Fußstapfen tritt.

Mit dem Einmarsch der Deutschen in Paris und bald auch in Brest beginnen die kleinen Einsätze von Annette. Die Autorin liest die bewegende Szene vor, in der die junge Frau die jüdische Familie retten will. Die Erwachsenen wollen nicht ihr Versteck verlassen, nur die beiden Jugendlichen folgen Annette.

„Die Tür hat sich hinter den dreien längst geschlossen, da steht er (der Vater) noch und möchte weinen weinen weinen, und wir, wir stehen in der fernen Zeit und stehen und finden keinen Satz und keinen Vers und keine Zeile, die etwas anderes möchte als zu stehen mit ihm und zu weinen.“

Sichtlich bewegt liest die Autorin diese Zeilen und ist selbst erstaunt, dass diese Zeilen sie auch bei wiederholtem Vortrag noch so anrühren.

Zum Abschluss noch ein kleiner Exkurs in das Frankreich nach dem Krieg, in das glückliche Leben der Autorin als Familienmutter und Berufstätige. Das bleibt so, bis sich die Algerier in den 50er Jahren gegen die Fremdherrschaft der Franzosen aufzulehnen beginnen. Als die französische Armee beginnt, die Methoden der Gestapo anzuwenden, ist dies für Annette Beaumanoir der Anlass, wieder den Untergrund zu unterstützen.

Ein hochinteressantes Buch, eine einfühlsame Darstellung eines außergewöhnlichen Frauenlebens. Ob es sich freilich um die authentische Darstellung der historischen Résistancekämpferin handelt, mag dahingestellt bleiben. Die Autorin selbst berichtete zum Schluss noch folgende Anekdote. Als sie Annette Beaumanoir die französische Fassung des Buches vorlegte, sagte diese ganz erstaunt: „Das bin ja gar nicht ich, das ist deine Annette.“

Von Ulla Hahn-Grimm