Filmfestspiele Venedig: Hoffnungen und Geheimnisse

Der Eröffnungsfilm „Lacci“ spielt im Neapel der 1980er Jahre und begleitet die Familie über 40 Jahre durch Leben und Ehe. Foto: dpa

Seit langer Zeit eröffnet das Festival mal wieder mit einem italienischen Film: „Lacci“ (übersetzt Schnürsenkel) ist ein Drama über die Familie als Büchse der Pandora.

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VENEDIG. „Space Cowboys“ von Clint Eastwood – das war vor genau 20 Jahren der Eröffnungsfilm des Filmfestivals von Venedig. Die Rückschau deutet den Abgrund an, der das diesjährige Festival von einer normalen „Mostra“ (zu Deutsch: Ausstellung) trennt, und uns alle vom Kino, wie es vor 20 Jahren noch Normalzustand war: als man Telefone nur zum Telefonieren benutzte und bei „Netflix“ vielleicht an einen neuen Internetbrowser gedacht hätte.

Zur Eröffnung des Festivals ist die britische Schauspielerin Tilda Swinton mit dem Ehrenlöwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet worden. „Kino ist einfach mein glücklicher Ort. Es ist mein wahres Mutterland“, sagte Swinton. Auch in Venedig sind alle froh, dass es wieder losgeht, selten lag so eine heitere, gelassene Freundlichkeit über dem Auftakt wie diesmal. Die Akkreditierten sitzen mit Masken und auf Abstand im Kino, die Zahl der Vorführungen hat sich verdoppelt, um das möglich zu machen, und ein ausgeklügeltes Ticket-Reservierungssystem lenkt die Besucher, wie andernorts das Vieh ins Gatter.

„Lacci“ (übersetzt Schnürsenkel) vom 60-jährigen italienischen Regisseur Daniele Luchetti ist der erste italienische Eröffnungsfilm seit vielen Jahren – ein guter Film für den Auftakt. Er erzählt eine einfache Geschichte über die komplizierteste Sache der Welt. Alles spielt in Neapel in den frühen 1980er Jahren. Eine vierköpfige Familie am Sonntagabend, schon im Schlafanzug sieht man gemeinsam fern: eine Sendung über Tiere. Der Sprecher erzählt von den Löwenkindern, bei denen „die Familienbande“ angeblich für immer halten, wenn sie einmal geknüpft sind. Spätestens da ahnt man, dass das bei dieser Familie anders werden wird. Bald kommt raus: Vater Aldo (Luigi Lo Cascio) hat eine Affäre, Mutter Vanda (gespielt von Alba Rohrwacher und im Alter von Laura Morante), versucht, zunächst gelassen zu bleiben, doch bald schmeißt sie Aldo aus der Wohnung.

„Lacci“ verfolgt die Beziehung über 40 Jahre; denn irgendwie finden die beiden wieder zusammen. Man lernt alle Seiten und Perspektiven kennen. Wie im französischen Kino schaut Luchetti dem Leben und der Liebe bei der Arbeit zu. Bis zum Ende kann man diese Geschichte als tröstliche Parabel auf Loyalität und Vertrautheit verstehen, oder als traurige Diagnose, wie Frustration und Enttäuschung überwiegen und man am Ende nur zu müde für einen Neuanfang ist. Familie als Büchse der Pandora. Das größte Unglück ist die Hoffnung. Eine Geschichte, die das Leben schreibt.

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Leinwand-Geschichten reicher als das jetzige Leben

Der Wettbewerb um den Goldenen Löwen eröffnete mit „Quo Vadis Aida?“, in dem die Bosnierin Jamila Zbanic einmal mehr das Massaker von Srebrenica nacherzählt und mit Nicole Garcias „Amants“. Diese Geschichte über eine junge Frau, die ihren Geliebten verliert, ihn dann aber als verheiratete Frau wiedertrifft, und hin- und hergerissen ist, erinnert von fern an Claude Chabrols Thriller bürgerlichen Lebens. Am Ende hinterlasssen zwei Schauspieler den stärksten Eindruck: Stacy Martin in der Hauptrolle und Benoit Magimel als Ehemann, der kämpft, obwohl er weiß, dass er bei der Gattin die schlechteren Karten hat.

Noch eine weitere Erfahrung macht man im Kino: Die Leinwand zeigt Menschen, die sich nahe sind, sich berühren, miteinander sind, ohne Abstand, ohne Masken. Die Wirklichkeit auf der Leinwand ist reicher und wirklicher als die, die wir alle gerade leben. So zeigen uns die Filme, was uns fehlt, und wie pervers der Zustand ist, in dem wir uns befinden – auch wenn wir alle uns längst an ihn gewöhnt haben und manche von uns sich vielleicht sogar gut mit ihm arrangieren.