Hiob und die Pandemie

Das Aquarell „Satan schüttet die Plagen über Hiob aus“ aus William Blakes Illustrationen zum Buch Hiob. Foto: gemeinfrei

Warum müssen Menschen leiden? Ist Corona möglicherweise eine Bestrafung der Natur für unser bisheriges Wohlfahrtsleben?

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. Das Alte Testament erzählt von einem Menschen, der als Repräsentant menschlicher Leiderfahrung gelten kann: Hiob. Ihm widerfährt ein Unglück, das sich der Vorstellungskraft entzieht. Er verliert nach und nach seinen Besitz, seine Familie und schließlich seine Gesundheit. So kann es nicht verwundern, dass Hiob sich fragt, warum ihm dieses Leid zustößt. Angesichts gegenwärtiger Hiobsbotschaften, die mit der Pandemie zusammenhängen – Krankheiten, Tod, Arbeitslosigkeit, soziale Isolation – erfährt Hiobs Suche nach einer Erklärung für sein Leid Aktualität.

Das Aquarell „Satan schüttet die Plagen über Hiob aus“ aus William Blakes Illustrationen zum Buch Hiob. Foto: gemeinfrei
Helke Panknin-Schappert ist Dozentin an der Universität Mainz und gibt Philosophiekurse für Senioren. Foto: VRM

Der Mensch Hiob verkörpert die alttestamentarische Auffassung eines Zusammenhanges von Wohlverhalten und Lebensglück: Der Mensch glaubt sein Geschick gestalten zu können. Hiob ist „fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig“, meidet „das Böse“, so dass er von sich sagen kann: „Ich errettete den Armen, der da schrie“. Hiob verfügt über Reichtum, Gesundheit und eine stattliche Familie. Der Zusammenhang von moralischem Handeln und Glück wird, so glaubt man, von Gott gestiftet.

Der Teufel kommt ins Spiel

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Und hier kommt der Teufel ins Spiel: Er wettet mit Gott, dass Hiob vom Glauben abfallen werde, wenn er alles verliert, was ihm wertvoll ist, Familie, Gesundheit, Hab und Gut. Klingt diese Leiderfahrung nicht vertraut in Zeiten der Pandemie? Bleibt Hiob fromm und gottesfürchtig, wenn ihm Unglück zustößt? Für den Menschen in unserer Zeit geht es womöglich nicht mehr um den Glauben an Gott, aber doch um die Frage, ob wir mit unserem Handeln unser Leben gestalten können oder ob alles dem Zufall überlassen ist. Und tatsächlich: Dem Teufel scheint es zu gelingen, Hiob Gott zu entfremden, indem er ihm alles nimmt. Hiob zweifelt zunächst an Gottes Gerechtigkeit, nicht aber am Schöpfer selbst.

Nun wird Hiob von Freunden aufgesucht, die an der religiösen Tradition einer Vergeltungsgerechtigkeit festhalten. Sie sind überzeugt: „Der Allmächtige vergilt dem Menschen, wie er verdient hat“. Für sie steht fest, dass Hiobs Leid nur dadurch erklärt werden könne, dass er vom Glauben an Gott, also an eine sinnvoll eingerichtete Weltordnung abgefallen sei. Hier zeigt sich eine mögliche Parallele zur Corona-Krise – dass wir nach Erklärungen für Naturerscheinungen, Krankheit und Leid suchen. Ist die Corona-Pandemie möglicherweise eine Bestrafung der Natur für unser bisheriges Wohlfahrtsleben? Die Freunde Hiobs verstehen Leid als Folge einer Schuld, obgleich sie nicht wissen, worin diese besteht. Da Gott gerecht sei, könne es nicht anders sein, als dass er moralisches Versagen mit dem Verlust von Ansehen, Reichtum oder Gesundheit ahnde. Ohne konkreten Anhaltspunkt behaupten die Freunde, Hiob habe Böses getan, Schuld auf sich geladen und müsse folglich seine Sünde bekennen. Die Freunde Hiobs versuchen damit, einen Sinn für das Leid zu finden. Aber kann es den geben?

Die Vorstellung der Freunde Hiobs, dass Krankheit Folge eines Vergehens und damit eine Bestrafung sein könnte, ist verbreitet. Ein Beispiel aus den 1980er Jahren: Die Immunschwäche Aids wurde in Teilen der katholischen Kirche als Strafe Gottes angesehen. Erst 1984 befreite die Weltgesundheitsorganisation die mit Aids in Zusammenhang gebrachte Homosexualität vom Stigma einer Krankheit.

Auch Hiob argumentiert zunächst nach den Regeln der Vergeltungslehre, wenn er auf der Identität von Wohlverhalten und Glück besteht: „Er greift nach mir und schlägt mir viele Wunden ohne Grund“. Hiob beteuert seine Unschuld und klagt Gott an, nicht nach Prinzipien der Gerechtigkeit, sondern nach denen der Willkür zu richten: „Er macht, wie er’s will“. Gott möge sich rechtfertigen angesichts des Bösen in der Welt. Hiob erhofft sich irdischen Lohn für seine Gläubigkeit und sein moralisches Handeln. Auch wir erwarten, dass es uns gut geht, wenn wir nichts Böses getan haben.

Hiob verflucht Gott ungeachtet seines aus seiner Sicht zu Unrecht widerfahrenen Leids nicht, bittet aber um eine Aussprache: „Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet“. Er leidet an der Unverständlichkeit seines Schicksals. Er sucht ebenso wie seine Freunde nach Erklärungen. Diese kann es jedoch nicht geben, da Hiobs Leid in einer dem Menschen unbekannten Wette zwischen dem Teufel und Gott gründet.

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Gott offenbart sich in einem Wettersturm, womit er die Gewalt und Unbegreifbarkeit des Kosmos demonstriert. Das meteorologische Phänomen verdeutlicht, dass die Natur den Verstand des Menschen mitunter übersteigt. Es gibt Bereiche des Lebens wie Krankheit und Tod, die sich der Macht des Menschen entziehen. Gott erklärt, dass die Schöpfung nicht nur gut und lebenserhaltend ist. Sie vernichtet Leben und bringt Leid hervor. Auch wir können in der Corona-Pandemie nicht immer eindeutig moralisch handeln. Ebenso ist Gottes Entscheidung ambivalent: Gott begründet nicht, warum Hiob leiden muss. Nun erkennt Hiob, dass er mit seiner Anklage „unweise“ geredet hat und blind gewesen ist gegenüber der Wahrheit: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen“.

Offenbarung Gottes verändert Hiobs Einstellung

Die Offenbarung Gottes verändert Hiobs Einstellung: Er selbst spricht sich schuldig für seine Anmaßung, von Gott Rechtfertigung zu verlangen und tut Buße. Jetzt weiß er auch, dass seine Schuld nicht darin besteht, dass er unmoralisch gehandelt hat, wie es ihm seine Freunde unterstellen, sondern – und das ist auch wichtig in der Auseinandersetzung mit der Corona-Pandemie – in der Anmaßung, Naturerscheinungen, wie es beispielsweise auch Viren sind, begreifen zu wollen. Hiob wird sich bewusst, dass er Geschöpf ist. Erst als Hiob die Sünde bekennt, Gottes Wirken verstehen zu wollen, wandelt er sich.

Hiob wird durch seinen existentiellen Kampf gegen das scheinbar Absurde und Willkürliche zu einem Prototypen der Auseinandersetzung mit der als ungerecht empfundenen Zufälligkeit und Widersinnigkeit des Lebens. Wer also darum weiß, dass Leiden und dessen Unverständnis Bestandteile der Schöpfung sind, für den wird nicht jede Nachricht über Covid 19 zur Hiobsbotschaft.

Von Helke Panknin-Schappert