Summender Protest: Klanginstallation im Portikus

Hajra Waheed, HUM, 2020, Portikus, Frankfurt Foto: Diana Pfammatter

Hajra Waheeds Kunstwerk im Frankfurter Protikus macht die Wut und das Aufbegehren gegen Diktaturen spürbar.

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FRANKFURT. Ein Ton schwebt im Raum, der mehr meditativ als melodiös ist. Es ist ein Summen, das an- und abschwillt, abwechselnd von Frau oder Mann intoniert. Doch die Melodie ist uns nicht geläufig, es ist eine Partitur aus acht Liedern. Und es ist kein lustiges Trällern eines westlichen Schlagers, sondern ein Summen von Protest- und Volksliedern, die bei den Kurden, in Ägypten, Sudan, Pakistan und Myanmar populär sind.

Künstlerin in Saudi-Arabien aufgewachsen

„Hum“ heißt die mehrkanalige Musikkomposition – ein Wort in Urdu, der National- und Amtssprache in Pakistan und in Teilen von Indien, das schlicht „Wir“ bedeutet. Es ist ein Aufruf zur Solidarität im weltweiten Kampf gegen Unterdrückung und Diktatur. Ein Protest-Summen, das in Hongkong so wichtig ist wie in Pakistan, wo der Islam immer mehr die Politik bestimmt.

So hängen nur 16 kleine Lautsprecher von der Decke des Frankfurter Portikus herab, ansonsten ist der hohe Raum leer. Ein beigefarbener Veloursteppich liegt auf dem Boden, die Schuhe muss der Besucher ausziehen. Das erzeugt ein Gefühl von Privatheit, auch wenn sonst alles absolut karg wirkt.

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Die Künstlerin Hajra Waheed hat diese eindrucksvolle Klanginstallation realisiert. Sie wurde vor 40 Jahren als Kind indischer Migranten im kanadischen Montreal geboren, wuchs aber in Saudi-Arabien auf, wo der Vater arbeitete. Allerdings musste die Familie in einer Wohnanlage von Saudi Aramco leben, der größten Erdölfördergesellschaft der Welt. Die hatte strenge Regeln – einfach so zu fotografieren war nicht erlaubt. Diese Beschränkungen scheinen Hajra Waheed stark geprägt zu haben. Nach ihrem Kunststudium in Chicago lebt sie zwar wieder in Montreal, beschäftigt sich aber intensiv mit Macht und Migration, Vertreibung und Entfremdung, Überwachung und Sicherheit. Dafür setzt sie alle künstlerischen Mittel ein, von der Malerei bis zum Video, vom Sound bis zur Installation.

Die Portikus-Kuratorin Christina Lehnert hat Waheeds Stück im Januar bei der Lahore-Biennale in Pakistan entdeckt. Dort war es in einem 1628 erbauten Auditorium zu hören, wo einst das Volk seine Beschwerden dem Herrscher vorbringen konnte. Auch wenn Pakistan inzwischen wieder demokratisch regiert wird, spielt die Religion eine immer größere Rolle – allzu lautes Protestieren ist gefährlich, das Summen viel unverfänglicher. Aufgenommen wurde Waheeds Klanginstallation in Kanada, gesummt von anonymen Profisängern. Der Sound ist also keine 1:1-Umsetzung der noch heute bei Protestbewegungen gesungenen Lieder, sondern ein neues Stück auf der Basis der Tradition. Jeder der acht Sänger hatte seine eigene Partitur, die einging in das fast 37 Minuten währende Summen.

Das ist nicht so mitreißend und rhythmisch wie das US-amerikanische Protestlied „We shall overcome“, es lädt mehr zum Hören ein. Die gesummten Worte und Verse kann man nur ahnen, aber die Wut, das Aufbegehren und die Hoffnung auf Veränderung spürt man allenthalben.