Vom Fischen und vom Leben

Beim Fliegenfischen bekommen sie laut Schriftsteller Leander Fischer eine faire Chance. Diese Forellen haben dennoch verloren. Foto: dpa

Online-Lesung des Literarischen Zentrums Gießen: Der Österreicher Leander Fischer stellte seinen mit einem Preis ausgezeichneten Roman "Die Forelle" vor.

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GIESSEN. Die Online-Lesungen des Literarischen Zentrums Gießen (LZG) haben eine beachtliche Resonanz gefunden. Auch beim Vortrag des Österreichers Leander Fischer haben sich am Dienstagabend zahlreiche Literaturfans im digitalen Raum versammelt. Dabei war die Materie keine leichte. In seinem vorgestellten Roman "Die Forelle" geht es über 800 Seiten lang in weiten Teilen ums Fliegenfischen und ums Fliegenbinden. Auch Moderatorin Janine Clemens musste einräumen, dass sie beide Begriffe erst einmal nachschlagen musste. Trotz dieses eher unbekannten Sujets verliefen die folgenden 75 Minuten durchaus kurzweilig. Und Clemens gestand gleich zu Beginn: "Wir sind Fischer-Fans der ersten Stunde."

Dem Autor ist es gelungen, gleich mit seinem Erstlingswerk hohe Auszeichnungen zu erringen. Fischer wurde 1992 im oberösterreichischen Vöcklabruck geboren. Nach einem Studium des Kreativen Schreibens und des Kulturjournalismus in Hildesheim veröffentlichte er erste Texte in Zeitschriften. 2019 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil und wurde dort mit dem Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. Für "Die Forelle" erhielt er den Debütpreis des Österreichischen Buchpreises 2020.

Seine literarische Auseinandersetzung mit dem Fliegenfischen begann bereits vor acht Jahren, als er einen Teil des Textes bei einem Wettbewerb in Wien vorstellte. Schon damals stellte er fest: Das Fliegenfischen ist ein unerschöpfliches Sujet zu einer alten Kulturtechnik, hier lässt sich über Natur und Kunst, Gesellschaft und Politik und über die verschiedensten Arten von Menschen trefflich philosophieren.

Soweit die Kunst. In der Natur sind Fliegenfischer meist an schnellen Fließgewässern zu beobachten. Als Köder benutzen sie Imitationen von Insekten, auch frei erfundene Reizfliegen. Wie man sich das Binden von Fliegen genau vorzustellen hat, war in einem kleinen Video zu sehen, das der Autor einspielte: Ein höchst artifizielles Geschäft, bei dem Felle, Haare und künstliche Materialien übereinandergeschichtet und zusammengebunden werden. Auch ein künstlerisches Vorbild für den Roman?

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Der Autor gab dem Publikum Gelegenheit, dies in zwei Lesepassagen zu überprüfen. Natürlich geht es in dem Buch nicht nur um Fliegenfischen oder ums Fliegenbinden, das Buch erzählt auch die Geschichte von Siegi und seiner Familie, Ernstl und den einheimischen Fliegenfischern. Siegi hat es in ein oberösterreichisches Dorf verschlagen, wo er als Musikschullehrer arbeitet. Nachdem eine Karriere als Violinvirtuose gescheitert ist, gilt nun seine Leidenschaft einer anderen Kunst: der Herstellung eines perfekten Köders. Er lässt sich von Ernstl in die Geheimnisse des Fliegenfischens einweihen, während sein Familienleben auf der Strecke bleibt. Lena, seine Frau und die beiden Söhne bekommen ihn trotz seiner Liebe nur noch selten zu Gesicht. Warum also diese Besessenheit?

Nicht nur in der Dorfwelt sind Siegi und seine Freunde Außenseiter, auch der örtliche Fliegenfischerverein beobachtet ihr Treiben mit Misstrauen. Der Roman spielt in den 1980ern, nimmt Themen wie Waldsterben, Massentourismus und Klimakatastrophe auf, reicht aber auch bis zurück in die NS-Zeit. Die Familie von Ernstl zum Beispiel musste zu Zeiten des Faschismus ihr Zuhause in Südtirol verlassen. Als "Optanten" waren sie in Österreich nur ungern gesehen. Ernstl ist schwerer Alkoholiker, eine Folge der schweren Jahre.

Gleich zu Beginn des sprachgewaltigen Buches geht es zwischen Siegi und Ernstl aber nicht um Fragen der Herkunft oder des Lebens, sondern ganz speziell um die Kunst des Fliegenbindens: "Die Wurftechnik fand ich schon immer toll, so leicht, unbeschwert.". Ein Widerhaken "sei widersinnig. Der Fisch habe eine faire Chance. Und fingen wir ihn doch, setzten wir ihn zurück. Nur das Erlebnis zähle, nicht das Ergebnis. Eine uralte, quasi humanistische, in England zur Hochkultur perfektionierte Gentlemanbetätigung."

Sein Roman sei aufgebaut aus Rede, Gegenrede, These und Antithese, Denunziation und Gegendenunziation", sagte der Autor. Neben diesen eher kurzen Dialogen ist der Roman geprägt von exakten Schilderungen, einfühlsamen Stimmungen, langen Sätzen. Die Sprache ist besonders wichtig für Leander Fischer. Er verwendet alte Formen, überrascht aber auch mit Wortneuschöpfungen und unerwarteten Wendungen.

Die kunstvolle Sprache lässt viel Raum für Vergleiche und Spekulationen. So wie die Moderatorin Janine Clemens sich an Franz Kafka erinnert fühlte, fragte in der Abschlussrunde ein Teilnehmer nach dem Einfluss von Thomas Bernhard. Für den Autor war es im Grunde eine Selbstverständlichkeit: "Als Österreicher kommt man nicht an Elfriede Jelinek oder Peter Handke vorbei." Er selbst plant nun ein Hörspiel, "jetztzeitiger und urbaner" als die "Forelle".

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Von Ulla Hahn-Grimm