„Picknick im Dunkeln“ von Markus Orths

Markus Orths lobt die höfliche Toleranz. Archivfoto: Lutz Igiel

Im Tunnel mit Melone: Markus Orths arrangiert in „Picknick im Dunkeln“ eine Begegnung von Stan Laurel mit Thomas von Aquin.

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. Es ist stockdunkel, das schwärzeste Schwarz aller Schwärze, und nirgends ein Licht. Ort der Handlung: eine finstere, undurchdringbare Tunnelröhre ohne Ein- noch Ausgang, Setting einer absolut klaustrophobischen Lage. Sie entsteht aus der Fantasie des Autors Markus Orths und konzentriert von vorn herein auf das Wesentliche: auf Erinnerung, Gedanken, Gespräch und Erkennen in einem seelischen Zwischenreich. In ihm befindet sich Arthur Stanley Jefferson, 1890 in England geborener Filmkomiker, 1965 gestorben, bekannt als Stan Laurel im legendären Duo mit Oliver Hardy. Im Tunnel zunächst allein – aber mit Melone, versteht sich. Gelegenheit, mittels eines allwissenden Erzählers seine Lebensgeschichte zu rekapitulieren, an seine erfolgreichen Filmideen, Drehbücher, Regiearbeiten zu denken und von seinem Hang zum weiblichen Geschlecht zu erzählen, dokumentiert in fünf Ehen. Orths blättert Laurels Biografie genussvoll auf, während der Komiker, der eigentlich Schauspieler sein wollte, durch die Schwärze stolpert und – auf eine zweite Person im Tunnel trifft. Sie fühlt sich an wie der frühere, dicke Partner Ollie, ist aber Thomas von Aquin, verbürgt fettleibiger Kirchenlehrer aus dem Mittelalter.

Die „Geistseele streift durch die Dunkelheit auf der Suche nach Licht“ ist des Theologen Erklärung, und in diesem „Zwischenreich“ begegnen sich die Geistseelen. Mit Feingefühl und Humor leitet Markus Orths seine so unterschiedlichen Figuren gemeinsam durch die Finsternis und lässt sie immer mehr zueinanderfinden. Stanley informiert den 1274 gestorbenen Thomas von Aquin über historische Entwicklungen nach dessen Lebzeiten, umgekehrt gibt der Theologe dem Komödianten Unterricht in philosophischen Gedankengängen und erklärt, wie er selbst durch Vernunft zum Glauben gefunden hat. Zeit im Buch, die Biografie Thomas von Aquins kurzweilig nachzuliefern.

Je länger die beiden in ihrem Tunnel miteinander sprechen, desto vertrauter werden sie einander. Markus Orths Buch ist auch eine Hommage ans Erzählen, ans genaue Zuhören und empathische Reagieren. Es ist ein Roman mit einer genauen, aufmerksamen Dialogführung, es ist auch ein Buch darüber, wie Kommunikation trotz unterschiedlicher Lebenszeiten und Berufssparten gelingen kann. „Solange wir reden, leben wir“ – zumindest mit Markus Orths. Und dessen Plädoyer für höfliche Toleranz heißt zusammengefasst: „Ich teile nicht Ihre Ansichten, aber ich teile gern Ihre Gegenwart.“

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Das titelgebende „Picknick im Dunkeln“ findet schließlich im dunklen Raum einer Stanley-Pantomime statt, bei der Thomas von Aquin seinem Ruf als fresssüchtiger „stummer Ochse“ durchaus gerecht wird und nebenbei ein berühmtes verschollenes Buch findet. Es spielt in Umberto Ecos „Der Name der Rose“ bereits eine zentrale Rolle: Aristoteles‘ verlorener Poetik-Teil über die Komödie, das Lachen. Da habe er Stanley gemeint, adelt Thomas von Acquin seinen neuen Freund. Der revanchiert sich: „Sie haben Humor, ohne es zu wissen.“

Wenn Menschen halbe Kugeln sind, die ihren Konterpart suchen, wie der platonische Eros-Mythos erzählt, dann haben sich Stan Laurel und Thomas von Aquin als ideale Partner gefunden, und Markus Orths hat sie mit leichter Hand durch ihren Tunnel bis zur ungemein rührenden Umarmung ziehen lassen. Ein höchst gewinnendes und bei aller Nähe zum Tod surreal angelegtes, süffig geschriebenes und deshalb wundersam leicht zu lesendes Kabinettstück.