„Wirrwarr“ von Hans Magnus Enzensberger und Jan Peter Tripp

Hans Magnus Enzensberger. Foto: dpa

Hans Magnus Enzensbergers klingen Gedichte klingen so frisch wie sein Frühwerk vor 50 Jahren. Ihre intensive Wirkung wird durch die Bilder Jan Peter Tripps weiter gesteigert.

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. Nimmt ein junger Lyrikleser parallel zum neuesten Gedichtband des neunzigjährigen Hans Magnus Enzensberger seine ersten Bände zur Hand, wird er erstaunliche Entdeckungen machen: Sind die ersten Zeilen seines frühen Gedichts „blindlings“ tatsächlich schon weit über 50 Jahre alt?

Da heißt es: „siegreich sein / wird die sache der sehenden / die einäugigen / haben sie in die hand genommen / die macht ergriffen / und den blinden zum könig gemacht“. Bei diesen Versen kann man durchaus an die vergangene (und die kommende) US-Präsidentenwahl denken. Und bei „lies keine oden, mein sohn, lies fahrpläne; sie sind genauer.“ kommt einem Loriots umwerfend komische Umsetzung dieser Aufforderung in Form einer rezensierenden Lesung aus dem Kursbuch der Bundesbahn in den Sinn.

Kann es angesichts einer solchen Aktualität aus dem Werk des jungen Enzensberger – der schon 1963 als 33-Jähriger den Büchner-Preis erhielt – überraschen, auch in seinem neuesten Lyrikband verblüffend aktuelle Bezüge zu entdecken? In dem Gedicht „Weiter nichts“ liest man beispielsweise: „Es ist nur die Witwe des Hausbesitzers, / die im Treppenhaus hustet. /…/ Das grüne Männchen leuchtet / und weist hin auf den Notausgang. / Horch, wie der Kühlschrank ächzt! / Er ist leer wie die ausgestorbenen Straßen. / Außer der Ausgangssperre / ist alles wie immer.“ Man darf die Entstehungszeit dieser Verse getrost in der Vor-Corona-Zeit ansiedeln – und doch sind in „Wirrwarr“ immer wieder Formulierungen zu finden, die aufmerken lassen und verwundern: ob ihrer nach wie vor jugendlichen Frische, erst recht wegen ihrer vielfältigen Bezugsmöglichkeiten.

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Enzensberger geht es um Grundsätzliches – nicht zuletzt bei der Beobachtung der Spezies Mensch: „Überall solche Zweibeiner, / die irgendwohin wollen. / Von wenigen Haaren bedeckt, tragen sie bunte Sachen, um nur nicht zu frieren. /…/ Manchmal halten sie inne, / als hätten sie etwas vergessen.“ Immer wieder kommt es einem in diesem ungemein anregenden Band so vor, als spräche da die Stimme eines noch sehr jungen Dichters, dem man eine große Zukunft prophezeien will.

Die intensive Wirkung der Gedichte wird durch die mehr als kongenialen Bilder von Jan Peter Tripp weiter gesteigert. Schon nach wenigen Seiten hat einen dieses Buch, seine extrem intensive Atmosphäre, in den Bann gezogen.

Ohne Übertreibung kann man diesen Band zu den lesenswertesten dieses Jahres zählen: wegen seiner wunderbaren Ausstattung, aber vor allem wegen der so berührenden wie fesselnden Gedichte im typischen Enzensberger-Idiom.