Im Gespräch über „Johanna von Orleans“ in Darmstadt

Tragende Rollen für Schiller: Anabel Möbius (links) spielt Johanna, Claudia Bossard führt Regie. Foto: Andreas Kelm

Hexe oder Heilige? Schillers Heldin muss viele Rollen ausfüllen. Regisseurin Claudia Bossard will sie alle auffächern. Premiere ist am 23. Oktober.

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DARMSTADT. Wer ist dieses Mädchen? Die Tochter des Bauern Jacques Darc hört Heilige und Erzengel sprechen. Sie fühlt eine göttliche Sendung, zieht aus ihrem Dorf in Lothringen los, um auf der Seite der Franzosen in den Hundertjährigen Krieg gegen die Engländer einzugreifen, wird kirchlich examiniert, mit einer Kämpfertruppe ausgestattet, bringt Proviant ins belagerte Orleans, wird im Kampf vom Pfeil getroffen, vom Pferd abgeworfen, streitet weiter, ist bei der Krönung von Karl VII. an der Seite des neuen Königs, will die Engländer endgültig besiegen, gerät in ihre Gefangenschaft, stirbt schließlich 1431 auf dem Scheiterhaufen und lebt bis heute weiter als katholische Heilige, französische Nationalheldin und göttlich verklärte Heldin in Friedrich Schillers romantischer Tragödie. Der deutsche Klassiker verschont sie vor dem Feuer und dichtet ihr die Liebesgeschichte zu einem feindlichen Führer an.

Schon der Überblick über Geschichte und Dichtung zeigt: Es gibt nicht nur eine Johanna von Orleans. Und so fragt sich auch Regisseurin Claudia Bossard in ihrer Inszenierung am Darmstädter Staatstheater mit der Titelfigur: „Bin ich Attentäterin, Anarchistin, Freiheitskämpferin? Wann bin ich Jungfrau, wann Hexe?“ Die Schweizerin, die vor zwei Jahren in den Kammerspielen mit der pfiffig zupackenden Adaption des ausufernden Romans „2666“ für Furore sorgte, sieht Johanna sowohl als Mädchen, das sich selbst erfindet, wie auch als Heldin im Dienste großer Mächte. „Ich glaube, dass sie als Frau gar keine andere Chance hatte als die Referenz auf Gott.“ Ein dahergelaufenes Bauernmädchen wäre nie in Rüstung aufs Schlachtfeld gelangt, eine Sendbotin des Himmels hingegen schon.

Bei der Premiere am Freitag, 23. Oktober, wird Anabel Möbius die Titelrolle übernehmen, eine Schauspielerin, die das Denken über ihre Rolle stets mitzuspielen scheint. Und dafür, wie Möbius Theater denkt, schätzt sie die Regisseurin auch seit ihrer Zusammenarbeit bei „2666“. Sie spiele die Johanna als „Ringen mit der Rolle, damit, was man auf sie draufprojiziert“. Möbius selbst, mittlerweile in ihrer fünften Saison am Staatstheater, sieht die Figur denn auch nicht als erleuchtetes Medium, sucht in den Proben weniger den Charakter als den Diskurskörper der Johanna: „Es sind Projektionen, die sie auch selbst vornimmt“, sagt Möbius und attestiert ihrer Figur dabei „Lust, Größenwahn und auch Narzissmus. Sie fragt sich: Wie möchte ich in die Geschichte eingehen?“

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Für diese Haltung zum Stoff muss das Theater immer wieder quasi neben den Autor treten, um den Blick für Assoziationen zu weiten: „Johanna von Orleans am Beispiel Friedrich Schillers“ heißt der Abend ja. Wenn die Frage aber nicht lautet, wer Johanna ist, sondern wie viele Johannnas es gibt, kann die Sache unübersichtlich werden. Die Schauspielerin staunt denn auch über die Regisseurin, die „mit einer Mind-Map im Kopf diese vielen Situationen szenisch runterbricht“. Und sie lobt: „Du machst die beste Ideologiekritik, die man machen kann, weil du dich der Antwort verwehrst.“ Dass diese komplexe Annäherung an Johanna aber eben nicht zu verkopft rüberkommt, dafür soll auch das Setting sorgen: eine Szene wie beim Film mit Kinokulissen, Green-Screen und einem Wohnwagen. „Es wird kein Historienspiel, eher eine bunte Pop-Auseinandersetzung“, verspricht Claudia Bossard. „Es geht um die Herstellung ihres Bildes.“ Klingt nach dem Making of einer Ikone.