Aktionstag #MakeTheRichPay in Gießen

Trauerzug auf dem Seltersweg: die Aktion zog einige verwunderte Blicke auf sich. Foto: Kremer
© Kremer

Die Antifaschistische Revolutionäre Aktion trägt in einem Sarg symbolisch den Kapitalismus zu Grabe. Der Trauerzug führte am Samstag durch die Innenstadt.

Anzeige

GIESSEN. "Liebe Trauergemeinde, wir kommen heute hier zusammen, um die Überreste des Kapitalismus beizusetzen", schallt es durch den Seltersweg, als die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Gießen symbolisch einen Sarg von der Löwengasse bis zum Kugelbrunnen trägt. In Trauerkleidung und begleitet von Kirchenglockenmusik erweisen sie anlässlich des bundesweiten Aktionstages "#Make TheRichPay" des Bündnisses "#WerHatDerGibt" hier dem Kapitalismus die letzte Ehre.

"Ohne jede Reue"

Auf die Begrüßung des "Pfarrers" folgen Trauerreden durch "enge Vertraute" des Kapitalismus. "Das Patriarchat" beispielsweise trauert um die verlorene Zeit und klagt: "Es ist eine Schande, dass er so früh von uns gehen musste, wir hätten eine rosige Zeit vor uns gehabt." Auch der Faschismus erzählt von den Anfängen der "Freundschaft" mit dem Kapitalismus, von ihrem ersten Treffen in der Weimarer Republik: "Verkörpert wurde er durch einen gewaltigen Propagandaverband des Kapitals: Den Alldeutschen Verband."

Das politische Theater endet mit einer Ansprache der "Revolution", die "ohne jede Reue" ihre Taten öffentlich gestehen will und von ihrem gelungenen Kampf gegen den Kapitalismus erzählt. Gemeinsam wolle man nun auf dem Grab des Kapitalismus tanzen und den Sozialismus aufbauen, der Tag sei also tatsächlich kein Anlass zur Trauer, sondern ein Tag zum "Feiern und Jubeln". Die Antifaschistische Revolutionäre Aktion Gießen will mit dem Theaterstück nicht nur die Probleme, die der Faschismus in sich trägt, sondern auch die prosozialistische Perspektive aufzeigen, die sich besonders im Plädoyer der letzten Rednerin, der Revolution, zeigt. Man wolle nicht nur die bestehende Ordnung kritisieren, sondern auch die andere Seite zeigen, erläutert Clara Roth, Organisator der Aktion.

Anzeige

Die politische Message richte sich an alle Ausgebeuteten, also alle Arbeiter, die immerhin 90 Prozent der Gesellschaft ausmachten, verdeutlicht er. Die Idee zu dem politischen Schauspiel als Alternative zu herkömmlichen Aktionen wie Protesten und Demonstrationen sei besonders deshalb interessant, weil sich die Schauspieler und Schauspielerinnen in die andere Perspektive versetzen und Argumente für ihre eigentlichen Gegner, zum Beispiel Faschismus und Patriarchat, finden müssen.

Perspektivwechsel

Außerdem könne man Interessierte auf eine andere Art erreichen, direkter mit Leuten in Kontakt treten und Fragen direkt klären. Im Gespräch spricht Roth auch noch die Bedeutung der Aktion im Zusammenhang mit der Pandemie an: "Die Corona-Krise mit einer pandemischen Ursache ist nicht gleichzusetzen mit der aktuellen Wirtschaftskrise, die aktuelle Wirtschaftskrise ist Resultat der kapitalistischen Produktionsweise und wird katalysiert durch die pandemische Corona-Krise."

Auch wenn sicher nicht alle Passanten und Passantinnen diese Perspektive teilen, viel Aufmerksamkeit war dem Trauerzug und dem Anliegen der Organisatoren und Organisatorinnen auf jeden Fall gewiss.