Auch in Gießen: Große Freude über "echte" Gottesdienste

Dank sinkender Coronazahlen sind Gottesdienste in Präsenz wieder möglich, wenn auch unter weiter geltenden Hygieneregeln und mit Anmeldung. Symbolfoto: dpa

Wiedersehensfreude und Erleichterung: Pfarrerin Carolin Kalbhenn freut sich, dass Gottesdienste wieder in Präsenz möglich sind.

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GIESSEN-WIESECK. Pfingsten feierten die Kirchengemeinden wieder mit ihren Gläubigen in den Gotteshäusern oder unter freiem Himmel. Nach langer, Corona-bedingter Pause - von Advent bis zum dritthöchsten kirchlichen Fest Pfingsten - kehrte wieder Leben in die Kirchen ein. Erleichterung machte sich bei den Gottesdienstbesuchern breit, die nicht spontan, sondern nur mit Anmeldung kommen durften. Endlich wieder auf der Kirchenbank sitzen, dem Orgelspiel und der Predigt zuhören und Gleichgesinnten zu begegnen - das Pfingstfest 2021 gab dazu wieder Gelegenheit. Diese Zeitung sprach mit Pfarrerin Carolin Kalbhenn, Pfarrerin im Seelsorgebezirk Michael II der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Gießen Nord über die Beschränkungen bei den Gottesdiensten, in der kirchlichen Arbeit und ihre Erfahrungen damit.

"Uns war es als Gemeinde ja wichtig, trotz unserer guten Hygienekonzepte in der Zeit des Lockdowns keine "Sonderrolle" einzunehmen, sondern solidarisch zu sein mit denen, die trotz aller guten Konzepte auch nicht öffnen konnten und durften - gerade im kulturellen Bereich". Die Seelsorgerin zeigt sich jetzt erleichtert: "Jetzt sind wir erst mal einfach froh, dass die Pandemielage sich so weit entspannt hat, dass für alle und in vielen Lebensbereichen wieder mehr Normalität möglich ist".

In der Zwischenzeit wurde von den Kirchen eine Reihe digitaler Formate für Gottesdienste und Andachten entwickelt und ausprobiert - von aufgezeichnet bis live, Audio, Video, kurzer Impuls oder kleines Konzert. Viele positive Reaktionen habe es gegeben, zieht Kalbhenn eine zufriedene Bilanz. Sie seien als schöne und stimmige, ansprechende und berührende Gottesdienste wahrgenommen worden. Die Kirchenleitungen in Gießen Nord haben sich vorgenommen, das in Zukunft in ihrer Arbeit stärker zu berücksichtigen und diesen Bereich auch nach Corona weiterzuentwickeln. "Aber es war uns natürlich auch klar, dass wir damit nicht alle unsere normalen Kirchgängerinnen und Kirchgänger erreichen", berichtet die Pfarrerin. Seit dem Beginn der Pandemie ist die Wiesecker Kirche tagsüber geöffnet - ein Ort für alle, die zwischenzeitlich Stille und einen Ort für das persönliche Gebet gesucht haben. Auch das ist ein Angebot, das nach wie vor gut angenommen und das weitergeführt wird. Der Kirchenvorstand hatte beschlossen, die Gottesdienste wieder aufnehmen, wenn die Inzidenz in Gießen unter 100 sinkt. Und so wurde jetzt an Pfingsten der erste Gottesdienst gefeiert. Carolin Kalbhenn ist glücklich: " Was für ein schöner Zufall, dass es ausgerechnet Pfingsten ist. Das Fest, an dem es ja um Gemeinschaft geht!". Nach all den Monaten, in denen Kontakte so rar waren, sei es allein schon ein Erlebnis, anderen "in echt" zu begegnen, meint die Pfarrerin. Verbunden damit war auch viel Wiedersehensfreude. Jetzt wird es wieder leichter, auch diejenigen mit einem Gottesdienst zu erreichen, die nicht so einfach Zugang zu digitalen Medien haben. "Das ist uns wichtig".

Kalbhenn schildert, sie habe auch die digitalen Formate in der Coronazeit schätzen gelernt. Und erinnert sich an einen wirklich fröhlichen Familiengottesdienst, der über Zoom gefeiert wurde. Ihr Resümee: "Wenn man digital, aber live zusammen kam, dann war da oft auch eine viel größere Nähe, als ich das vorher vermutet hätte". Eines habe ihr wirklich gefehlt: Wenn live gemeinsam Gottesdienst gefeiert wird, dann können alle Teil des Geschehens werden. Beim gemeinsamen Singen oder Beten werde das besonders deutlich, aber auch an den Stellen, an denen nur eine Person spricht, sei die Kommunikation im Gottesdienst ja keine Einbahnstraße.

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Keine Einbahnstraße

Es entstehen Resonanzen. Gottesdienst bezeichnet sie so etwa wie einen Resonanzraum, zu dem alle,die da zusammen kommen, etwas beitragen. Das fällt bei den aufgezeichneten Formaten ganz weg und ist bei digitalen Liveformaten, schwer wahrzunehmen. "Das jetzt wieder zu erleben - darauf freue ich mich besonders".

Wegen der Corona-Regeln ist das Singen der Gottesdienstbesucher nicht gestattet. Kalbhenn: "Darauf an einem fröhlichen Fest wie Pfingsten zu verzichten, fällt uns schwer und ist - gerade wo es um den gemeinsamen Resonanzraum geht - wirklich ein Manko. Aber sie blickt hoffnungsvoll nach vorne: "Wie schön wird das sein, wenn auch diese Einschränkung nicht mehr notwendig ist".