Betriebsrat beklagt Pflegenotstand am Uniklinikum Gießen und...

Pflegenotstand oder Ausnahmen: Betriebsrat und Leitung des Universitätsklinikums Gießen und Marburg streiten über die Interpretation von Überlastungsanzeigen. Archivfoto: Thorsten Richter

Laut Betriebsrat des Universitätsklinikums Gießen und Marburg ist das Thema Personalmangel noch nicht vom Tisch. Die Zahl der Überlastungsanzeigen sei 2019 erneut gestiegen.

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MARBURG. Der Personalmangel am Universitätsklinikum Gießen und Marburg (UKGM) ist nicht vom Tisch - das erläutert der Betriebsrat des Klinikums. Vielmehr sei die Zahl der Überlastungsanzeigen vergangenes Jahr erneut gestiegen.

Eine Pflegekraft, die anonym bleiben möchte, bringt die permanente Überlastung am UKGM auf den Punkt: "Wenn ich in einer Tempo-100-Zone 119 fahre, dann ist das noch ok, dann geht das gerade noch ohne Punkte und mir nur an den eigenen Geldbeutel. Das kann ich aber nicht mit einer Personalplanung machen - die darf nicht immer am Limit sein."

Die Zahl der Überlastungsanzeigen - also Meldungen über Missstände, die die Pflegekräfte während ihrer Dienstzeit erfahren haben - hat nach Angaben des Betriebsrats im vergangenen Jahr zugenommen. Und zwar erneut: Waren es 2016 noch 125 dieser Überlastungsanzeigen, so hat sich deren Zahl im vergangenen Jahr mit 326 Anzeigen nahezu verdreifacht.

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Für Wolfgang Demper, Betriebsratsvorsitzender am UKGM Marburg, ist klar: "Wir brauchen mehr Pflegekräfte". Er findet: "Wenn ich als Geschäftsführung eine Überlastungsanzeige lese, und sehe, dass darin von Patientengefährdung gesprochen wird oder Arbeitszeitverstöße sichtbar werden, dann muss ich doch reagieren."

Das könne er jedoch nicht erkennen - dabei biete jede dieser Anzeigen doch auch die Chance, "dass man aus ihnen lernt und schaut, wo es vielleicht strukturelle oder organisatorische Probleme gibt - und daraus lernt", so Demper.

326 Fälle im Jahr 2019, aber die Abschlussprotokolle fehlen

Jeder dieser Überlastungsanzeigen muss am UKGM verpflichtend nachgegangen werden - und das in zwei Schritten: Zu jeder Anzeige muss die Pflegedienstleitung eine Stellungnahme schreiben - das ist im vergangenen Jahr in immerhin 208 der 326 Fälle geschehen. Und: Zu jeder Überlastungsanzeige muss auch die Pflegedirektion ein Abschlussprotokoll erstellen.

Das sei von 2016 bis August 2019 jedoch kein einziges Mal geschehen. "Erst im letzten Quartal gab es insgesamt zehn Abschlussprotokolle", so Demper - der mutmaßt, dass dies eventuell auch "mit der Berichterstattung über den Pflegenotstand" zu tun haben könnte. Für ihn und seine Stellvertreterin Erika Hallenberger ist unverständlich, warum man in Marburg nicht so vorgehe, wie man es in Gießen offenbar seit einiger Zeit tue: "Dort finden regelmäßig Gespräche statt, in denen man die Überlastungsanzeigen durchgeht und dann überlegt, wie die Abhilfe aussehen könnte."

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Hallenberger verdeutlicht: "Es kommt auch häufig zu Verstößen gegen das Arbeitszeitgesetz - weil etwa Pausen nicht genommen werden konnten. Uns gegenüber heißt es dann, das seien Akutsituationen." Doch feststehe auch: Wenn es permanent zu solchen Akutsituationen komme, "dann muss ich entweder einen vernünftigen Pool aufbauen, damit ich gleich einen Ersatz habe - oder statte die Stationen so aus, dass mir nicht gleich der ganze Laden um die Ohren fliegt, wenn mal jemand krank wird".

Das UKGM entgegnet, dass die Überlastungsanzeigen "regelhaft und kontinuierlich in jedem Einzelfall bearbeitet" würden, man gehe jedem Vorgang nach. "Richtig ist allerdings auch, dass nach erfolgter Aufarbeitung und Stellungnahme durch den direkten Vorgesetzten in der Vergangenheit zu oft von der Erstellung von ,Abschlussberichten' abgesehen wurde", teilte das Klinikum mit. "Dies wird in Zukunft abgestellt werden", heißt es. Gleichwohl halte man alle Mitarbeiter dazu an, "bei entsprechenden Wahrnehmungen" die Anzeigen zu schreiben - "damit wir sicherstellen können, dass keine grundsätzlichen organisatorischen Schwachstellen weiter bestehen".

Pflegepool soll kurzfristige Ausfälle kompensieren

Man habe beispielsweise einen Pflegepool eingerichtet, um kurzfristige Ausfälle zu kompensieren. Auch die temporäre Schließung von Stationen finde statt, wenn dies aufgrund der Personalsituation notwendig ist. Zudem konnte man in Marburg "eine hohe Zahl von Auszubildenden übernehmen und Mitarbeiter einstellen, so dass bei nahezu gleichbleibenden Patientenzahlen die Anzahl an Pflegenden gestiegen ist", heißt es vonseiten des Klinikums.

Dass die Zahl der Überlastungsanzeigen gestiegen sei, führe man unter anderem darauf zurück, "dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Instrument entsprechend unserer Bitte aktiv nutzen", meint das UKGM.

In Bezug auf den Pflegedienst sei die Zahl in den vergangenen Jahren aber "nachweislich zurückgegangen", wie das UKGM schreibt. Danach ergäben sich bei mehr als 46 900 Schichten pro Jahr auf den Stationen "nur 211 Überlastungsanzeigen in 2019. Diese Zahl hat sich im Vergleich zum Vorjahr um über 20 Prozent reduziert", heißt es weiter.

Von Andreas Schmidt und Björn Wisker