Bittere, aber begehrte Gabe: Myrrhe

Das Harz des Myrrhenbaumes ist nicht nur zur Weihnachtszeit ein begehrtes Handelsprodukt.   Foto: Larve

Myrrhe ist die Arzneipflanze des Jahres 2021. Das Harz des in Afrika beheimateten Baumes hat entzündungshemmende und antimikrobiellen Eigenschaften, wie die moderne Medizin belegt.

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GIESSEN. Und wenn die Bibel doch recht hat, dann haben die "Heiligen Drei Könige" alias "Weisen aus dem Morgenland" alias "Sternendeuter" bei ihrem Besuch im Stall in Betlehem dem Jesuskind als Gaben nicht nur Gold und Weihrauch, sondern auch Myrrhe mitgebracht.

Letzteres Mitbringsel dürfte heute bei vielen jungen Eltern der modernen Konsumgesellschaft wahrscheinlich weniger Freude als vielmehr nur ein Naserümpfen auslösen. Dabei genoss das aromatische Baumharz in der Vergangenheit ein hohes Ansehen bei den Zeitgenossen. Die Bedeutung des Naturproduktes im Christentum wird durch seine wiederholte Nennung in der Bibel dokumentiert. Dort taucht es als Bestandteil des Heiligen Öls auf, das der Salbung diente. Nach Zugabe zu Wein entstand daraus eine Art mildes Betäubungsmittel, das den zum Tode Verurteilten gereicht wurde. Jesus lehnte dieses ihm am Kreuz angebotene Sedativum allerdings ab.

Der Einsatz bei Einbalsamierungen von Leichnamen ist ein uralter Brauch. Eine weitere Anwendung ist die Nutzung als Räuchermittel. Das ist auch schon ein Übergang zur Schönheitsmaßnahme. So hatten Frauen, wie im "Buch Esther" der Bibel berichtet wird, wenn sie eine Nacht mit dem König Ahasveros verbringen mussten oder wollten, zunächst eine sechsmonatige Schönheitskur mit Balsam und Myrrhe zu absolvieren.

Wie dem "Hohelied" zu entnehmen ist, war es bei Frauen Sitte, sich mit Myrrhe gefüllte Beutel auf die Brust zu legen. Aber das waren natürlich nicht die Gründe des "Studienkreises Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzen" Commiphora myrrha zur Arzneipflanze 2021 zu küren. Hinter dem wissenschaftlichen Namen verbirgt sich der Myrrhenbaum. Dieser laubabwerfende, dornige, bis zu vier Meter hohe Baum, dessen Heimat in den Trockengebieten des nordöstlichen Kenias, des östlichen Äthiopiens, Dschibutis, Somalias, Omans und des Jemens liegt, produziert in den inneren Zellen des Rindengewebes eine Emulsion, die bei natürlichen oder künstlich zugefügten Verletzungen der Pflanzenoberfläche austritt, an der Luft erhärtet, um so die Wunde zu verschließen. Das ist das zwar bitter schmeckende, aber seit Jahrtausenden begehrte Myrrhe-Harz.

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Nach "Köhler's Atlas der Medizinal-Pflanzen" von 1887 kann sich das Artepitheton "myrrha" von verschiedenen Sprachen ableiten, bedeutet aber in jedem Fall bitter. Wegen der großen Nachfrage lohnte es sich in der Vergangenheit sogar, das Produkt durch minderwertige Harze zu strecken oder gar ganz zu fälschen.

Entzündungshemmend

Für die Altvorderen war die Substanz "dienlich zu allerley Gebrechen". Die heilende Wirkung des Balsambaumgewächses wurde genutzt bei Atemwegsbeschwerden, Verdauungsproblemen, schlechter Wundheilung, "faulem Zahnfleisch und wackelnden Zähnen", um nur einige der Einsatzgebiete zu nennen. Der Effekt des Harzes lässt sich auf seine adstringierenden, entzündungshemmenden und antimikrobiellen Eigenschaften zurückführen, was die moderne Medizin belegen konnte. Darüber hinaus hofft die Wissenschaft, "noch weitere pharmakologisch interessante Substanzen" in dem pflanzlichen Wundverschluss zu finden

Stimmt es, was Adamus Lonicerus (1679) in seinem Buch behauptet - "Der Rauch von Myrrha in Mund und Nase gelassen/ stärcket das Hirn." - lohnt es sich wahrscheinlich, in Myrrhe zu investieren. Schließlich wimmelt es in der Menschenwelt von Hirnen, denen eine solche Behandlung sicher ganz gut täte... .

Von Dieter Larve