Gießen: Hebammenausbildung künftig nur noch als Studium

Das Abhören der Herztöne des Ungeborenen im Mutterleib ist nur eine von vielen Aufgaben der Hebammen.  Symbolfoto: dpa

JLU, THM und UKGM in Gießen sind Kooperationspartner bei dem im Wintersemester 2022/23 startenden Dualen Bachelorstudiengang. An drei Standorten in Hessen sollen zusammen 140...

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GIESSEN. Wer glaubt, dass eine Hebamme die werdende Mutter ein paar Mal besucht, dabei hilft, das Baby auf die Welt zu bringen, und dann bei den frischgebackenen Eltern zum Schluss noch mal kurz nach dem Rechten schaut, liegt vollkommen falsch. Denn dieser Beruf ist weitaus vielfältiger und beinhaltet neben der Geburtshilfe und -vorbereitung unter anderem auch Vorsorgeuntersuchungen per Ultraschall, Stillbetreuung und Rückbildungsgymnastik. Nachdem es jahrzehntelang eine berufsschulische Ausbildung war, wird diese nun bundesweit durch ein Duales Bachelorstudium ersetzt. Die Übergangsfrist läuft Ende 2022 ab. Der erste hessische Studiengang zur Hebammenausbildung startet im Wintersemester 2022/23 an drei Standorten gleichzeitig. Ein Großteil der geplanten 140 Studienplätze wird in Gießen eingerichtet. Dabei kooperieren die Justus-Liebig-Universität (JLU), der Standort Gießen des Uniklinikums (UKGM) und die Technische Hochschule Mittelhessen (THM). Die übrigen Plätze entstehen in Frankfurt/Main und Fulda, wo der UKGM-Standort Marburg Kooperationspartner ist.

Wie Wissenschaftsministerin Angela Dorn am Mittwoch bei der Online-Pressekonferenz ausführte, investiert das Land in jeden Studienplatz 40 000 Euro und insgesamt 22 Millionen Euro bis 2027. Die Studiendauer beträgt sieben Semester, also dreieinhalb Jahre. Und natürlich dürfen sich auch Männer bewerben. Alle Absolventen werden den akademischen Grad eines Bachelor of Science tragen.

"Beste aus beiden Welten"

"Wir bringen das Beste aus beiden Welten", der Praxis und der Theorie, "zusammen", machte Dorn deutlich. Und konnte vermelden, dass es künftig mehr Hebammen-Nachwuchs geben wird. Auf dem bisherigen Ausbildungsweg standen hessenweit jährlich nur 120 Plätze zur Verfügung. Bis zur jetzigen "Vollakademisierung" der Hebammenausbildung sei es aber "eine schwere Geburt" gewesen, berichtete sie von zähen Verhandlungen mit dem Bund über die finanzielle Ausgestaltung.

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"Eine Geburtshilfe ohne Hebammen geht nicht, sie sind sehr wichtig für ein Krankenhaus", betonte Dr. Christiane Hinck-Kneip. Laut der kaufmännischen Geschäftsführerin am UKGM-Standort Gießen beschäftigt allein dieses Haus der Maximalversorgung 17 Hebammen bei durchschnittlich 1700 Geburten in den vergangenen Jahren. Am Uniklinikum, genauer gesagt, an der Fachklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, wird der Praxis-Anteil der Ausbildung stattfinden, der mit rund 2200 Stunden etwa die Hälfte des Studienumfangs ausmacht, so die Geschäftsführerin. Für die JLU freute sich Prof. Verena Dolle, dass "wir mit dem neuen Studiengang unsere erfolgreiche Zusammenarbeit mit der THM in der Lehre fortführen". Es sei im Übrigen der erste gemeinsame Duale Studiengang, strich die Vizepräsidentin für Studium und Lehre heraus. Überdies schlug Dolle vor, in die Hebammenausbildung die Erfahrungen aus einem interkulturellen Projekt von Medizin-Studierenden einzubringen.

Prof. Matthias Willems, Präsident der THM, findet, dass "sich die drei Partner gut ergänzen". Wobei seine Hochschule das breite Wissen aus dem Fachbereich Gesundheit mit Studiengängen wie etwa Biomedizinische Technik, Gesundheitsökonomie oder Digitale Medizin - letztere werde "für die Zukunft eine große Rolle spielen" - zu den Inhalten beisteuert. Darüber hinaus wolle die THM wegen der Hebammenausbildung "eine bis zwei neue Professuren" einrichten, kündigte Willems an.

Hohe Versicherungsbeiträge

Angela Dorn geht davon aus, dass sich durch das Studium die "finanzielle Anerkennung" von Hebammen künftig verbessern wird. Zumal allein schon gesellschaftlich gesehen ein Studienabschluss höher als ein berufsschulischer bewertet wird. Ein anderes großes Problem bedarf jedoch noch einer Lösung, nämlich die überdurchschnittlich hohen Beiträge, die Hebammen für ihre Berufshaftpflichtversicherung zu zahlen haben und die in den vergangenen Jahren weiter gestiegen sind. Der wesentliche Grund dafür seien die gewachsenen Kosten für Geburtsschäden und daraus resultierende Folgekosten, ist der Homepage des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft zu entnehmen. Auf viele, die den Hebammenberuf anstreben, wirkt diese dauerhafte finanzielle Belastung abschreckend. Laut Ministerin Dorn müsse das auf Bundesebene geregelt werden, das Land Hessen könne hier nichts tun. In den letzten Monaten habe es zwar "kleine Errungenschaften" gegeben, "das Problem selbst ist aber noch nicht gelöst", stellte sie fest.

Reformiert wurde die Hebammenausbildung erst 2020 durch ein Bundesgesetz, das die Akademisierung der beruflichen Qualifizierung zum Standard erhob. Wie die anderen EU-Mitgliedstaaten folgt Deutschland dabei den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die eine Ausbildung auf Hochschulniveau einfordert.

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Von Frank-O. Docter