Gründerteam der THM möchte "Revolution in ambulanter Pflege"

Damit Zeit für die wichtigen Dinge bleibt: "VeloCura" möchte per E-Lastenrad Abläufe optimieren.  Symbolfoto: dpa

Mit "VeloCura" haben fünf Master-Studierende der THM beim "StartMiUp Capital Contest" einen Investor überzeugt. Sie wollen ein überdachtes E-Lastenrad mit einer ganz...

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GIESSEN. Zugeparkte Innenstädte, stundenlanges Staustehen, spontane Terminabsagen oder Terminänderungen sowie kreuz und quer unterwegs sein: Das ist der Alltag vieler ambulanter Pflegdienstleistenden in deutschen Städten. Nach Überzeugung eines fünfköpfigen Team von Masterstudierenden des Studiengangs Wirtschaftsingenieurwesen an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) könnten diese Probleme allerdings schon bald der Vergangenheit angehören. Die Lösung nennt sich elegant "VeloCura" - und überzeugte beim "StartMiUp Capital Contest", dem ersten hochschulübergreifenden Gründungswettbewerb in Mittelhessen bereits einen potenziellen Investor.

"Wir wollen eine Revolution in der ambulanten Pflege", erklärt Mitentwickler Robin Brandner, der im Team fürs Finanzielle zuständig ist. Die Idee von "VeloCura" sei die intelligente Verknüpfung eines mobilen und in großen Städten flexibel einsetzbaren, überdachten E-Lastenrads mit einer Software, die Routen plant, Pläne erstellt und auf spontane Änderungen des Betriebsablaufs reagiert. "Bis zu vier Stunden am Tag sitzen ambulante Pflegedienstleistende oft in ihrem Auto. Das kostet Zeit, in der Bedürftige nicht gepflegt werden können, frustriert und macht krank", erzählt Brandner. Die Fehlzeiten durch Krankheit seien in diesem Beruf 50 Prozent höher als in anderen Tätigkeitsbereichen."Im Gegensatz zu den Softwarelösungen der großen Player wollen wir ein absolut maßgeschneidertes Produkt nur für ambulante Pflegedienste schaffen", ergänzt Philipp Zurr. Der 39-jährige Diplom-Maschinenbauer ist im Projekt für den Vertrieb zuständig und bereits als Vertriebsingenieur bei einem mittelständischen Unternehmen beschäftigt, seinen Master absolviert er "nebenbei". "Die Optimierung von Abläufen ist für uns als Wirtschaftsingenieure zentrales Thema. Das geht weit über die Industrie hinaus - bis hin zur Pflege", pflichtet ihm Bermal Kirmizioglan bei, die für Marketing und Marktanalyse verantwortlich ist. In den Analysen des bereits existierenden Marktes für Softwarelösungen in der Medizin sei man auf eine Lücke in diesem Segment gestoßen. Entsprechend hoch seien auch die ökonomischen Erwartungen. "Es gibt immer mehr alte Menschen und viele Pflegebedürftige wollen sich zuhause pflegen lassen, statt in einem Heim", so Kirmizioglan. In den ersten fünf Jahren nach Gründung wolle man so nicht weniger als 550 Kunden gewinnen.

"Externer Programmierer"

Entstanden sei die Idee für "VeloCura" in einer gemeinsamen Lehrveranstaltung. Imane Balbali, die die Geschäftsführung übernimmt, ist durch ihren ehemals in Frankfurt beschäftigten Bruder mit den Problemen der Pflegedienste in Kontakt gekommen. "Er hat sich jetzt mit einem eigenen Pflegedienst im Wetteraukreis selbstständig gemacht, und wir würden gerne den Aufbau seines Unternehmens mit unserer Software begleiten", so Balbali. Ziel sei die Optimierung des Betriebsablaufs mithilfe der mit dem Unternehmen parallel aufgebauten und wachsenden Software.

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Die Entwicklung dieser Software ist auch das nächste Etappenziel der Gruppe. Florian Beppler-Alt ist für diesen technischen Part zuständig, jedoch benötigen die Ingenieurstudenten externe Programmierer, um die Planungen zu realisieren. "Deshalb haben wir auch einen relativ hohen Kapitalbedarf, um gründen zu können, nämlich ungefähr 1,4 Millionen Euro", erläutert Brandner. Umso mehr freue man sich deshalb über den Erfolg im Wettbewerb des Startup-Netzwerkes Mittelhessen. Dort konnten sie sich als eines von fünf Teams ein "Intent of Interest", also ein Zahlungsinteresse eines anwesenden Investors, sichern. Teilgenommen hatten Teams der THM, der Justus-Liebig-Universität in Gießen und der Philipps-Universität Marburg.

"Markt abtasten"

"Wir haben den Wettbewerb als Möglichkeit gesehen, den Markt abzutasten und gesehen - das funktioniert. Unser Dank gilt deshalb auch Christian Abt (THM), der uns motiviert hat, am Contest teilzunehmen", so Zurr. Man verhandelte nun mit dem Investor, ob und wie er in das Unternehmen einsteigt. "Wir brauchen das Investment zum Aufbau der Software, bevor wir das Unternehmen von Imane Balbalis Bruder begleiten können", erklärt Brandner. Anschließend sei geplant, die "Prototyp"-Software zur Marktreife zu bringen. Die Testphase sei zwar in einer ländlichen Gegend geplant, "aber wir hätten gerne den urbanen Ausgangspunkt Frankfurt. Von dort aus wäre es schön, auch die mittelhessischen Dienste, egal ob in privater oder caritativer Trägerschaft, für uns zu gewinnen", verriet Zurr die Zukunftsaussichten. Ihre eigene Zukunft sehen die fünf Projektpartner übrigens voll in ihrem Unternehmen. Man wolle zwar den Master zu Ende bringen, aber voraussichtlich im nächsten Frühjahr in die Pilotphase starten.