Holocaustgedenktag: "Dieser Tod erfolgt nicht schnell"

Der Vernichtung entkommen: Die junge Autorin Seweryna Szmaglewska mit den ersten Ausgaben ihres Buches.  Foto: Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung

"Die Frauen von Birkenau" von Seweryna Szmaglewska war Beweismittel im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher und erscheint endlich auf Deutsch. Die Arbeitsstelle...

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GIESSEN. Die blutigsten Spuren wollte die Mörderbande noch eilig verwischen. Die Todesöfen wurden abgerissen, zahllose Unterlagen vernichtet. Und die misshandelten, ausgemergelten Frauen und Männer sollten schnellstens auf ihren letzten Fußmarsch geschickt werden. Deshalb stand das sonst eisern bewachte Tor plötzlich offen. Von morgens bis abends strömten die Häftlinge samt Bewachern in Fünferreihen hinaus. "Wenn anstelle der Baracken und Krematorien Gras gewachsen wäre, hätte man die ganze Angelegenheit gegenüber Europa und der Welt leichter reinwaschen können", schreibt Seweryna Szmaglewska. Doch es kam anders. "Die Rote Armee drang in einem unerwarteten Tempo voran, wie ein Lauffeuer." Dabei hatten die Deutschen gerade "zu dieser Jahreszeit keine russische Offensive erwartet". Am 27. Januar 1945 erreichten die Sowjets schließlich Auschwitz-Birkenau und stießen dort auf noch rund 7000 völlig entkräftete Gefangene. Gleichzeitig entdeckten sie unzählige Leichen von verhungerten, erschossenen, erschlagenen Menschen und erkannten sofort, dass sich an diesem Ort unvorstellbar kaltblütige Verbrechen zugetragen haben müssen.

Der Tag der Befreiung des größten deutschen Vernichtungslagers, in dem mehr als 1,1 Millionen Männer, Frauen und Kinder ermordet wurden, gilt seit 1996 in der Bundesrepublik als gesetzlicher Gedenktag. Als internationaler Tag der Erinnerung an die Opfer des Holocaust wurde der 27. Januar gar erst 2005 von den Vereinten Nationen etabliert. In vielen Ländern finden inzwischen aus diesem Anlass Veranstaltungen statt; die Gedenkfeier des Deutschen Bundestages mit Charlotte Knobloch, Überlebende der Shoa und ehemalige Vorsitzende des Zentralrates der Juden in Deutschland, wird an diesem Mittwoch um 11 Uhr im Internet übertragen.

Befreiung von Auschwitz

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Die rettende Ankunft der Roten Armee hat Seweryna Szmaglewska nicht miterlebt. Die junge Polin gehörte einer Gruppe von Häftlingen an, die am 18. Januar 1945 zu Fuß auf den Todesmarsch ins über 250 Kilometer entfernte Konzentrationslager Groß-Rosen geschickt wurde. Im Schutz der Nacht beschloss sie, gemeinsam mit zwei Frauen zu fliehen. Und tatsächlich gelang es der 29-Jährigen, sich bis in ihren Heimatort Piotrków durchzuschlagen. Dort musste sie allerdings erkennen, dass die Menschen in Polen nur wenig über das Grauen von Auschwitz wissen. Deshalb sah sie sich in ihrem Vorhaben bestärkt, über ihre 30 Monate andauernde Inhaftierung Zeugnis abzulegen. Zumal sie das Gefühl hatte, dies ihren Mitgefangenen schuldig zu sein. Den Ermordeten, aber auch jenen, die vielleicht noch am Leben waren. Und da sie wusste, "dass meine Kameradinnen sich immer noch in den Transporten nach Groß-Rosen, nach Buchenwald, nach Ravensbrück befanden, zwang ich mir ein Arbeitspensum auf, das in etwa ihrem Marschtag entsprechen musste. Ich stellte den Wecker auf fünf Uhr in der Früh und arbeitete bis zur Dämmerung".

Im Juli 1945 schloss Seweryna Szmaglewska ihren schonungslos detaillierten Bericht ab, der bereits am 4. Dezember in Polen erschien. Mehr noch: Ihr Buch diente dem Internationalen Militärgericht in Nürnberg als Beweismittel im Prozess gegen die Hauptverbrecher des "Dritten Reiches" und sie selbst sagte dort - als eine von zwei Zeugen aus Polen - am 26. Februar 1946 aus. Es ist also nicht nur völlig unverständlich, sondern geradezu bestürzend, dass dieses herausragende Zeugnis des grausamen Lageralltags und der deutschen Vernichtungsmaschinerie erst mehr als 75 Jahre nach Kriegsende unter dem Titel "Die Frauen von Birkenau" auch in der Sprache der Täter vorliegt. Zu verdanken ist die sorgfältige Edition dem Frankfurter Schöffling Verlag, vor allem der Sachbuchautorin und Journalistin Marta Kijowska - eine versierte, einfühlsame Übersetzerin, die den mehr als 430 Seiten umfassenden Aufzeichnungen ein kenntnisreiches Nachwort hinzugefügt hat.

Vor dem deutschen Überfall auf Polen studierte die 1916 geborene Seweryna Szmaglewska in Warschau Soziologie, war als Schriftstellerin tätig und verfasste mehrere Reportagen für den polnischen Rundfunk. Im September 1939 kehrte sie nach Piotrków in der Nähe von Lodz zurück, half mit, in einem Krankenhaus die Verwundeten zu betreuen, schloss sich dem Untergrund an und beteiligte sich an illegalem Unterricht. Ihre Festnahme im Juli 1942 aber beruhte allein auf einem Verdacht: Der SS-Mann, der die nicht-jüdische Polin beobachtete, glaubte im Zurechtrücken ihrer Brille ein geheimes Signal des Widerstandes zu erkennen, erläutert Marta Kijowska die Hintergründe.

Sie kam zunächst ins Gefängnis und wurde im Oktober nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Dort sollte sie 840 Tage lang in dem Lagerteil arbeiten, in dem die Habseligkeiten der eingelieferten Häftlinge aufbewahrt und sortiert wurden, sowie in Kommandos, "die nach draußen gehen". Ihr langer Aufenthalt und die Vielfalt der erzwungenen Aufgaben "haben mir erlaubt, viele Geheimnisse des Lagers zu ergründen". Doch Seweryna Szmaglewska stellt nicht sich in den Mittelpunkt ihrer Darstellung, sie schreibt niemals "ich", sondern "wir" und hebt das Erlebte, Gesehene oder Gehörte damit auf eine allgemeingültige Ebene. "Ich wollte ja von den Millionen erzählen, die mein Schicksal geteilt haben." Durch diese einzigartige dokumentarische Form ist das Buch weder Roman, noch autobiographischer Bericht oder Reportage. Wohl gerade deshalb erzielt der Text eine Unmittelbarkeit, die das Weiterlesen mitunter schwer erträglich macht. Etwa wenn es heißt: "Nein, es ist nicht so einfach, im Gas zu sterben, dieser Tod erfolgt nicht schnell." Denn es sei allgemein bekannt, dass die Deutschen aufgrund der großen Anzahl von Menschen, die sie vernichten wollen - "und vielleicht auch aus anderen Gründen" - bei den Vergasungen Einsparungen vornehmen.

"Kinder verbrannt"

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"Eine hohe Dosis Blausäure (Zyklon) hätte sofort eine tödliche Wirkung, doch die, die sie anwenden, erlaubt nur ein langsames Sterben." Oder wenn sie an anderer Stelle darauf verweist: "Aufgrund der Anordnung, mit dem Gas so sparsam wie möglich umzugehen, werden Kinder bei lebendigem Leib verbrannt." Seweryna Szmaglewska nennt die Namen der deutschen Verbrecher, erwähnt die "Kapos" genannten Funktionshäftlinge, die "den Gefangenen von Auschwitz mindestens genauso viel Böses antun wie die SS-Mannschaft", und sie beschreibt geradezu liebevoll Leidensgenossinnen, die Hunger, Kälte sowie Misshandlung nicht überleben und so dem Vergessen entrissen werden.

"Innerhalb des Lagers merkt man das Voranschreiten der Zeit nicht. Über jeder Stunde des Tages und der Nacht hängt dasselbe Grauen: die rauchenden Krematorien und die dorthin strömenden Menschenmassen", hält die junge Frau fest. Gleich zu Beginn spricht sie den Leser auch direkt an: "Wenn dein Vater, dein Bruder oder dein Sohn dort wäre, würdest du ihn nicht erkennen, in dem Maße sieht ein gebrechlicher Greis einem jungen Mann ähnlich, in dem Maße hat ein Junge das zerfurchte Gesicht eines Alten. Alle wirken gleichermaßen steif und leblos."

Wer also wirklich glaubt, dass Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und geschlossene Konsumtempel mit den Qualen und der permanenten Todesgefahr in einem KZ auch nur ansatzweise zu vergleichen seien, dem sei die Lektüre von "Die Frauen von Birkenau" dringend angeraten.

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Seweryna Szmaglewska: Die Frauen von Birkenau. Aus dem Polnischen und mit einem Nachwort von Marta Kijowska, Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung Frankfurt 2020, 448 Seiten mit zahlreichen Fotos, 28 Euro.