"Ich hätte es schon lieber in Präsenz" an der JLU Gießen

Symbol für Studentenalltag: In den ansteigenden Sitzreihen eines Hörsaals möchte die Studienanfängerin der JLU gern einmal mit Kommilitonen sitzen. Symbolfoto: dpa
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Eine Studienanfängerin berichtet zum zweiten Mal von ihrem ersten Semester an der JLU. "Ich sitze noch immer die ganze Zeit allein zu Hause vor meinem Rechner", beschreibt die...

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GIESSEN. In den ansteigenden Sitzreihen eines echten Hörsaals möchte die junge Frau endlich einmal sitzen. Das erste Mensa-Menü mit den Kommilitonen bleibt ebenfalls weiterhin ein sehnlicher Wunsch. Und Literatursuche oder Buchausleihe sind mindestens bis zu einem geführten Besuch durch die unbekannten Gänge der Unibibliothek verschoben. "Ich sitze noch immer die ganze Zeit allein zu Hause vor meinem Rechner", beschreibt die 19-Jährige ihren Alltag. Doch zumindest hat sie sich inzwischen "schon etwas besser" in ihr Studium an der Justus-Liebig-Universität (JLU) eingefunden. "Es ist trotzdem manchmal alles etwas viel", sagt die Studentin. Und fügt hinzu: "Es gibt noch diese Momente, in denen ich nicht ganz hinterherkomme." Trotzdem hat sie ihre Entscheidung, zum Wintersemester ein Studium an der JLU zu beginnen, bislang nicht bereut. "Ich würde aber lieber übermüdet im Hörsaal sitzen als übermüdet in meinem Zimmer vor dem Bildschirm." Damit spielt die Studienanfängerin auf eine E-Mail an, die den Anzeiger vor einigen Tagen erreicht hat, die aber ursprünglich an sie gerichtet ist, einige Tipps zum Start ins Campusleben enthält und die Vorteile des Wachbleibens in den eigenen vier Wänden bei Schlafdefiziten propagiert.

Die junge Frau wohnt in einer Kreisgemeinde und hat in Gießen im Sommer ihr Abitur abgelegt. Ihren Namen möchte sie nicht öffentlich machen. Zu unsicher ist sie, wie ihre Dozenten womöglich auf ihre persönlichen Schilderungen reagieren. Denn als eine von knapp 7000 Erstsemestern der JLU berichtet sie nun zum zweiten Mal über ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Online-Studium. Ihre Eindrücke von der virtuellen Einführungswoche sowie dem Auftakt von Vorlesungen und Seminaren, die Ende November auf der Hochschulseite erschienen sind, hat die "JLU-Infogruppe" in den sozialen Medien zu der elektronischen Post "mit ein paar Worten zur Beruhigung" veranlasst. "Es freut mich sehr, dass ich mit diesen Problemen nicht allein bin", betont die "Ersti".

Die 19-Jährige hat sich für "ICB" - Intercultural Communication and Business - entschieden. Dabei werden zwei Fremdsprachen mit Anteilen der Wirtschaftswissenschaften und des Wissenschaftsrechts verzahnt. Dieser Studiengang stellt eine Erweiterung und Vertiefung der "Modernen Fremdsprachen, Kulturen und Wirtschaft" dar und wird in diesem Wintersemester zum ersten Mal angeboten. Etwa 110 junge Leute haben sich zur Premiere dafür eingeschrieben. "Kommilitonen aus meinem Studiengang habe ich immer noch nicht getroffen", macht sie deutlich. Lediglich zwei direkte Kontakte sind mit den Teilnehmern der Mentorengruppe in der Woche vor Studienbeginn organisiert worden. Seither "schreibt" sie mit einigen von ihnen, und "mit einer Studentin, die ich kennengelernt habe, plane ich, zusammen für die Klausuren in Wirtschaft zu lernen". Am liebsten nebeneinander in einem analogen Raum. "Aber natürlich müssen wir erst abwarten, wie sich die Pandemie entwickelt."

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Kaum mehr Probleme gebe es mittlerweile mit den technischen Voraussetzungen. Während vor allem zum Semesterstart das Netz der JLU bisweilen überlastet war und selbst in den frühen Morgenstunden hochgeladene Videos nicht angeschaut werden konnten, "klappt das inzwischen gut". Lediglich bei den Vorlesungen in Wirtschaft, die über die Plattform "Ilias" laufen, "hängt es manchmal schon nach zehn Minuten". Dann brauche es etwas Geduld, und nach etwa zwei Minuten laufe es weiter - bis zur nächsten kurzen Pause. In der siebten Woche ihres Studiums nimmt die junge Frau das gelassen, Anfang November sorgten kleinere und insbesondere größere virtuelle Aussetzer für Verzweiflung.

Online-Veranstaltungen in Echtzeit vermitteln der 19-Jährigen zumindest etwas Studienalltag. "Der Sprachunterricht auf Webex funktioniert wirklich recht gut." Das sei beinahe wie in der Schule. Die Dozentin kann direkt auf Nachfragen eingehen. Wer etwas sagen möchte, kann sich mit der "Handhebefunktion" melden. "Nur wenn einige gleichzeitig sprechen, gibt es manchmal Überschneidungen." Hin und wieder könne nicht alles gut verstanden werden, dann schalte die Lehrende das Video aus und sei für die Lernenden nur noch zu hören. Auf diese Weise könne die Übung zumindest fortgesetzt werden.

Das "synchrone" Studienangebot bevorzugt die 19-Jährige eindeutig gegenüber den "asynchronen" Vorlesungen aus der Konserve. Aber zumindest das Mitschreiben falle ihr bei Letzteren etwas leichter als am Anfang, als sie bis zu drei Stunden für das Bearbeiten eines Videos von 75 Minuten gebraucht habe. "Ich habe ein System entwickelt, damit ich nicht mehr alles notiere."

Mittlerweile habe sie sogar den Professor "in echt auf dem Bildschirm gesehen". Zunächst hatte der Wissenschaftler "Episteln" von rund zehn Seiten für die Teilnehmer hochgeladen und per Power-Point-Präsentation dazu schriftlich Aufgaben formuliert. Nur ein Update "reicht nicht", hat auch JLU-Präsident Joybrato Mukherjee im Interview mit dem Anzeiger über die Qualitätsstandards in der digitalen Lehre hervorgehoben.

"Wir treffen uns nun alle zwei Wochen mit ihm auf Webex und können Fragen stellen, die er live beantwortet." Um seine schriftlichen Ausführungen etwas aufzulockern, seien darin Links zu Musikvideos "für eine Pause" eingestreut oder Aufnahmen von putzigen Vögeln in ihren Nestern. "Das ist schon witzig." Überhaupt bescheinigt die Studienanfängerin, dass sich die meisten Dozenten sehr viel Mühe geben. "Echten Spaß" mache es dennoch nicht, so ausgedehnt vor dem Bildschirm zu hocken. "Ich hätte es schon lieber in Präsenz." Campusleben und Studienalltag seien eben weiterhin eine große Unbekannte für sie. Und womöglich würde sie mit dem Stoff in Wirtschaft beim realen Kontakt und Diskutieren mit den Kommilitonen besser zurechtkommen. "Die Sprachen finde ich richtig gut, in der Kombination mit Wirtschaft bin ich mir nicht sicher", räumt sie erste Zweifel ein. Zunächst möchte sie jedoch die Prüfungen zum Semesterende abwarten. "Wir wissen noch nicht, wie das ablaufen wird." Ob es Klausuren in Räumen an der JLU geben wird, hängt vor allem von den möglichen weiteren Einschränkungen durch die Covid-19-Infektionen ab.

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Bis die "heiße Phase" des Lernens für den Semesterabschluss beginnt, versucht die Studienanfängerin, sich die Wochenenden frei zu halten. "Ich brauche das, um auch mal abschalten zu können." Zu Beginn habe sie weitgehend durchgearbeitet, "doch das war einfach zu viel". Zumal die 19-Jährige fast die ganze Zeit in ihrem Zimmer vor dem Bildschirm gesessen hat. Deshalb war es auch eine willkommene Abwechslung, dass sie einen Minijob in einem Bekleidungsladen gefunden hat - ganz in der Nähe ihres Wohnortes. "Ich war echt froh, wieder mehr unter Menschen zu sein." Durch den "harten Lockdown" fällt diese Beschäftigung zwar erst einmal weg. Da die 19-Jährige aber noch bei ihren Eltern wohnt, sei das finanziell kein Problem.

Die Weihnachtsferien möchte die Erstsemesterin nutzen, um die Videos, die sie bislang noch nicht vollständig ausgewertet hat, in Ruhe anzusehen. Zudem werde sie die Empfehlungen der "JLU Infogruppe" mal genauer unter die Lupe nehmen. Von der Plattform "Studydrive", auf der Lernmaterialien ausgetauscht werden können, habe sie bereits in einem Tutorium gehört. "Das existiert als ,Abiunity' so ähnlich auch für Abiturienten", schildert sie. Aber das Modul "study@home" auf "Ilias" kenne sie noch nicht. "Das ist sehr hilfreich, um sich einen Plan für das Studieren zu Hause zu machen", heißt es in der E-Mail. Lerngruppen bilden und einen "Online-Stammtisch" zu gründen, stehe allerdings noch nicht auf ihrem Programm.

Einen Besuch in der Unibibliothek habe sie indes für das neue Jahr fest vorgesehen. "Du kannst Dir einen Platz reservieren, falls es mal gar nicht klappt mit dem Lernen zu Hause", raten die älteren Semester. Das werde sie ausprobieren: "Denn ich brauche definitiv auch mal eine andere Umgebung zum Arbeiten für die Uni." Die Literatur, die alle Teilnehmer in den jeweiligen Veranstaltungen vorbereiten sollen, werde momentan noch von den Dozenten auf StudIP hochgeladen. "Deshalb benötige ich noch nicht so viele Bücher", stellt sie klar. Einem Hinweis aus der freundlichen Post mag sie jedoch nicht recht glauben. Dort heißt es nämlich, dass die Schwierigkeiten, die sie Ende November im Gespräch mit dem Anzeiger dargelegt hat, "ganz normal und Standard" seien. Und: "Das wäre auch so abgelaufen, wenn eine Präsenzzeit möglich wäre."