Jugendherberge in Gießen von Corona-Krise hart getroffen

Die DJH-Jugendherberge in der Hardtallee ist mit 88 Betten die kleinste der insgesamt 32 hessischen Einrichtungen. Foto: Friese

„Die Situation trifft uns alle gleich hart“, sagt Marcus Winter, Leiter der DJH-Jugendherberge in der Gießener Hardtallee. Noch nie habe es eine Schließung auf...

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GIESSEN. (paz). „Die Situation trifft uns alle gleich hart“, sagt Marcus Winter, Leiter der DJH-Jugendherberge in der Gießener Hardtallee. Noch nie habe es für die 32 hessischen Jugendherbergen eine Schließung auf unbefristete Zeit gegeben. „Üblicherweise sind wir von Ostern bis zwei Wochen vor den Sommerferien voll belegt“, berichtet er im Gespräch mit dieser Zeitung. Durch die Schließung ab dem 19. März sei den hessischen Jugendherbergen ein Schaden von etwa neun Millionen Euro entstanden. „Insgesamt haben wir dadurch bisher 250 000 Übernachtungen weniger zu verbuchen.“

Rund 500 Mitarbeiter(innen) sind in hessischen Jugendherbergen beschäftigt. In Gießen – mit 88 Betten das kleinste der 32 Häuser – sind drei Vollzeitkräfte sowie vier Aushilfen von der Schließung betroffen. Neben internationalen Gästen kommen nach Aussage des Herbergsleiters gerne Schulen, Sportvereine und Institutionen, wie die Deutsche Zöliakie Gesellschaft, in die Gießener Herberge. „Jede Woche findet eine Regionalkonferenz von etwa sechs Herbergsleitern statt“, erklärt Marcus Winter. „Die Themen, die uns beschäftigen, sind die gleichen.“ So beispielsweise, dass während der Schließungszeit aufgrund geringer Rücklagen keine Renovierungsarbeiten vorgenommen werden können oder was man antworten soll, wenn potenzielle Gäste nach dem Zeitpunkt der Wiederöffnung fragen. „Obwohl die Herbergen geschlossen sind, kosten sie dennoch täglich Geld“, akzentuiert Winter.

Eine Million Soforthilfe

Hilfe kommt jetzt von der Hessischen Landesregierung, die alle zum Deutschen Jugendherbergswerk gehörenden hessischen Jugendherbergen mit einer Soforthilfe von einer Million Euro unterstützen will. „Jugendherbergen fallen bisher durch das Raster der Rettungsschirme von Bund und Land. Unsere Soforthilfe ist eine schnelle Reaktion auf den akut angezeigten Liquiditätsengpass der Jugendherbergen“, heißt es in einer Pressemitteilung von Sozial- und Integrationsminister Kai Klose.

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Jetzt Anträge stellen

Weitere Programme und Hilfen wie Versicherungsleistungen und Kurzarbeit sollen dazukommen. Denn als gemeinnützige Einrichtungen dürften Jugendherbergen nur in begrenztem Umfang Gewinn erzielen oder Rücklagen bilden, sodass sie aufgrund des Corona-Virus jetzt vor existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen stünden. „Jugendherbergen sind Erholungs- und Erlebnisorte für Familien. Es sind Orte, an denen Gemeinschaft entsteht und Familie gelebt wird“, betonte Klose. Entsprechende Anträge können seit Montag, dem 11. Mai, gestellt werden.

„Erst dauert es lange und dann fällt es mager aus“, kritisierte Frank-Tilo Becher die Covid-19-Soforthilfe der Hessischen Landesregierung. Der jugendpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Hessischen Landtag bezeichnete die Soforthilfe von einer Million Euro als „symbolischen Betrag, mit dem die 32 Jugendherbergen im Land nicht weit kommen werden.“ Nur auf Nachfragen der Opposition sei Minister Klose überhaupt bereit gewesen, Jugendherbergen zu unterstützen.

Eine Rückkehr der Schulklassen, die 40 bis 60 Prozent des Jahresumsatzes ausmachten, werde noch länger auf sich warten lassen. Von einer Vollbelegung seien die Einrichtungen auf absehbare Zeit weit entfernt. „Der finanzielle Ruin der Jugendherbergen wird uns teuer zu stehen kommen. Ein Blick nach Bayern, wo den Jugendherbergen bis Ende Juli 60 Prozent der entfallenen Einnahmen vom Land ersetzt werden, zeigt wie Wertschätzung und wirkliche Hilfe aussieht“, akzentuierte er.