Maximales Kopfschütteln an JLU Gießen zum Start

Maximale Leere: Für Studierende findet das Sommersemester bis auf Weiteres jenseits der Hörsäle statt.  Symbolfoto: dpa

Die digitalen Lernplattformen der JLU waren zu Semesterbeginn deutlich überlastet. "Viele Lehrende, aber auch Studierende, sind mit den Anforderungen einer komplett online...

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. GIESSENDer Semesterstart war für so manchen Dozenten und für etliche Studierende der Justus-Liebig-Universität (JLU) ein bisweilen ziemlich frustrierendes Erlebnis. Das lag natürlich einerseits daran, dass es keine persönlichen Kontakte gab, keine Wiedersehensfreude, kein Plaudern über die Erlebnisse der zurückliegenden Wochen und auch kein Planen von fröhlichen Zusammenkünften jenseits der Seminarräume. Andererseits aber war die Ernüchterung vor allem darauf zurückzuführen, dass die von JLU-Präsident Joybrato Mukherjee ausgegebene Parole "maximal digital" pünktlich mit Veranstaltungsbeginn am 20. April vortrefflich in "maximal überlastet" umgetauft werden konnte. Die Server als Grundlage der Lehre - zumindest in den ersten Wochen - schienen dem Ansturm nicht gewachsen. Die Plattformen StudIP und Ilias waren stundenlang nicht zu erreichen. Aber auch wer das Glück hatte, sich mit seinen persönlichen Daten irgendwann doch noch Zugang zu verschaffen, musste sekündlich damit rechnen, aus dem Kreis der Nutzer wieder ohne Ankündigung verbannt zu werden. "Die massenhaft digital bereitgestellten Materialien und Aufzeichnungen werden vermutlich die Datenbegrenzung des Internets der Wohnheimbewohnerinnen sprengen", zeigte sich der Asta - der Allgemeine Studierendenausschuss - der JLU bereits nach wenigen Tagen überzeugt. Mehr noch: "Viele Lehrende, aber auch Studierende, sind mit den Anforderungen einer komplett online stattfindenden Lehre überfordert." Dafür konnten sich beide Seiten immerhin am Freitag eine genehmigte Auszeit nehmen.

Analoges Arbeiten

"Uns ist bekannt, dass es seit Montag vermehrt zu Überlastsituationen in Verbindung mit der Nutzung von Ilias und k-MED gekommen ist", heißt es in einer internen Rund-Mail von Prof. Michael Lierz vom Donnerstagabend. Darin teilt der JLU-Vizepräsident für Wissenschaftliche Infrastruktur mit, dass am nächsten Tag "kurzfristig" eine Wartung der Lernplattformen vorgenommen werde, um die Verfügbarkeit zu verbessern. "Hierbei werden die Datenbanken der beiden Lernplattformen auf neue, leistungsfähigere Hardware umgezogen. Der Austausch der Hardware erfordert, dass die beiden Lernplattformen für einen Zeitraum von mehreren Stunden offline genommen werden müssen", so der Vizepräsident. Und dieser Zeitraum sollte von 12 bis 20 Uhr andauern. Also maximale Möglichkeit zum konzentrierten Arbeiten im Analogmodus.

Die Studierenden der JLU hatten - gemeinsam mit ihren Kommilitonen von allen anderen hessischen Hochschulen - allerdings noch weiteren Grund zum maximalen Kopfschütteln. Dabei war zunächst Begeisterung angesagt, als das Land "schnelle Hilfe für in Not geratene Studierende" angekündigt hatte. "Das war eine unfassbar wichtige Nachricht, hat die Corona-Krise doch unzählige Arbeitsplätze von Studierenden, so etwa in der Gastronomie oder im Messewesen, wegfallen lassen und sie vor enorme finanzielle Schwierigkeiten gestellt", signalisierte der Asta der Gießener Uni volle Zustimmung. Doch die Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten.

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Der am 22. April gestartete Nothilfe-Fonds war nämlich nicht mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. "Innerhalb von zweieinhalb Stunden waren die Mittel erschöpft. Die für die Verteilung zuständigen Studentenwerke hatten im Vorhinein keinen konkreten Zeitpunkt veröffentlicht, ab wann die Antragstellung möglich sein würde, welche Bedingungen bestünden und welche Unterlagen eingereicht werden müssten", kritisiert Sophie Müller, Asta-Referentin für Öffentlichkeit. "Wie die Auswahl gestaltet wird, ist weiterhin nicht öffentlich nachvollziehbar. Dieses Vorgehen ist eine Bankrotterklärung und gleicht einem Glücksspiel." Berechtigterweise hätten zahlreiche Studierende wiederum digital in den sozialen Netzwerken protestiert. "Ich habe davon erst am Mittwochmorgen erfahren", schildert eine Studentin der Technischen Hochschule Mittelhessen im Gespräch mit dem Anzeiger. Und fügt hinzu: "Als ich sofort auch diese Unterstützung beantragen wollte, war schon alles vorbei." Die junge Frau hätte sich indes sehr über die 200 Euro gefreut, denn ihr Job in einer Boutique in der Innenstadt liegt erstmal auf Eis. "Im Moment arbeiten nur die beiden festangestellten Kolleginnen", beschreibt sie ihre Situation.

"Realitätsferner Zuschuss"

"Die bereitgestellten 250 000 Euro plus der spontanen Aufstockung um 145 000 Euro aus der Kasse der Studentenwerke reichen bei einer Auszahlung von 200 Euro pro Antragstellerin nicht einmal für jeden 40. der potenziell 80 000 Studierenden, die unverschuldet in finanzielle Nöte geraten und auf Zuschüsse angewiesen sind", erläutert Sophie Müller. "Insgesamt konnten nur 1975 Studierende gefördert werden. Der realitätsferne Zuschuss von 200 Euro reicht zusätzlich bei Weitem nicht aus. In vielen Fällen entspricht dies gerade einer halben Monatsmiete und ersetzt nicht einmal die Hälfte eines 450 Euro-Jobs."

Der Asta der JLU moniert, dass die hessische Landregierung die Verantwortung an den Bund weiterschiebe. Dort verhindere Bundesbildungsministerin Anja Karliczek nachhaltige Maßnahmen und wolle mit vollständig rückzahlungspflichtigen Darlehen die massenhafte Verschuldung unzähliger Studierender weiter vorantreiben. "Dringend notwendige umfangreiche Maßnahmen, wie ein Vollzuschuss für alle Studierenden, lassen allerdings weiter auf sich warten. Während für die Wirtschaft in kürzester Zeit 750 Milliarden Euro bereitgestellt wurden, müssen Studierende in ihrer misslichen Situation ausharren", kritisiert die Gießener Studierendenvertretung. "Wie dringend ein sofortiger und ausreichender finanzieller Rettungsschirm für Studierende ist, zeigen die Anfragen bei dem aus den Studierendengeldern finanzierten ,Solifonds Gießen', die um circa 120 Prozent gestiegen sind. Es ist ein untragbarer Zustand, dass die Studierendenschaft selbst diese Last schultern muss."

Deshalb fordert der Asta der JLU das Studentenwerk und die Hochschulen auf, den Druck auf das Bundesministerium für Bildung und Forschung zu erhöhen. "Gemeinsam müssen wir den Verantwortlichen klarmachen, dass dieses Sommersemester für die vielen prekarisierten Menschen im Hochschulwesen zu einem Katastrophensemester zu werden droht."

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Zumindest scheint die Überlastung der JLU-Lernplattformen durch den Austausch der Hardware deutlich verbessert worden zu sein. Und so konnten sich so manche Dozenten und etliche Studierende zu Beginn der zweiten Semesterwoche über eine deutlich störungsresistentere digitale Kommunikation freuen.