Missbrauchsprozess in Gießen: Ambivalente Gefühle

Der Prozess vor dem Gießener Landgericht wird nächste Woche fortgesetzt. Archivfoto: Mosel

Vor Gericht hat eine Beraterin von "Wildwasser" ausgesagt. Das Mädchen, das von seinem Vater sexuell missbraucht worden sein soll, hat mit ihr auch über Schuldgefühle gesprochen.

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. Giessen (jmo). An den ersten Termin des jungen Mädchens erinnert sich die pädagogische Mitarbeiterin von "Wildwasser" bis heute. Die Mutter der Jugendlichen hatte das Gespräch in der Beratungsstelle gegen sexuellen Missbrauch im Oktober 2014 vereinbart. "Erzähl' ruhig alles, reden tut gut!", soll sie ihrer Tochter vor dem Gang in die Einzelsitzung noch mit auf den Weg gegeben haben. Dann sei das Erlebte aus der 14-Jährigen nur so herausgesprudelt. "Mir ist das alles peinlich", hat die Beraterin den Einstieg in das Gespräch damals im Nachgang notiert. "Papa hat sich immer zu mir ins Bett gelegt." Während das Mädchen weiter erzählte, sei es von Weinkrämpfen geschüttelt worden.

Knapp sechs Jahre später muss sich ihr Vater vor dem Gießener Landgericht wegen schweren sexuellen Missbrauchs verantworten. Die Anklage listet 103 Taten auf, beginnend mit dem fünften Geburtstag des entwicklungsverzögerten Kindes. Der 49-jährige Gießener bestreitet die Vorwürfe. Seine inzwischen erwachsene Tochter, die als Nebenklägerin auftritt, macht hingegen äußerst detailreiche Angaben, erinnert sich lebhaft an Abläufe, Gerüche und selbst kleinste Geräusche. Auch ihre Mutter und Zwillingsschwester haben bereits über mehrere Stunden ausgesagt. Beide Frauen berichteten von einem - über Jahre andauernden - subtilen Gefühl, dass in der ungewöhnlich engen Beziehung zwischen Vater und Tochter "etwas nicht stimmen" könnte. Weitere Zeugen sollen nun vor der Zweiten Großen Strafkammer ausführen, wie sie das Mädchen damals erlebt haben. Im Herbst 2014 hatte es seiner Schwester anvertraut, "dass Papa mir immer so nah kommt". Die Mutter erstattete daraufhin Anzeige gegen ihren Ex-Mann.

Ambivalente Gefühle

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Neun Gespräche haben kurz darauf in der Beratungsstelle von "Wildwasser" stattgefunden. Die Zwillingsmädchen und ihre Mutter hatten dort jeweils eine eigene Ansprechpartnerin. Die pädagogische Fachkraft, die damals für die entwicklungsverzögerte Jugendliche zuständig war, weiß noch, wie ungewöhnlich die Gespräche mit der damals 14-Jährigen verlaufen sind. "Sie war eine der Wenigen, die detailliert erzählt haben, was passiert ist. Das überlassen die Meisten ihren Eltern." Auch die geschilderten Gefühle und körperlichen Schmerzen seien "sehr selten bei Menschen in diesem Alter". Recht unbedarft, eher auf dem Stand eines Kindes, habe die Jugendliche von sexuellem Missbrauch seit dem Kindergartenalter berichtet. Dabei suchte sie offenbar auch immer wieder die Schuld bei sich selbst, weil sie "gern kuschle", sich nicht gewehrt und vielleicht nicht deutlich genug "nein gesagt" habe.

Die Erzählungen seien von "viel Ambivalenz" geprägt gewesen. So war das Mädchen einerseits geplagt von "unglaublich großer Angst", der Vater könne der Mutter etwas antun, thematisierte aber auch wie gern sie ihn hat. "Ich habe Papa lieb, aber er soll damit aufhören", hat die "Wildwasser"-Beraterin etwa als Gesprächsnotiz verfasst. Nicht verborgen blieb ihr, dass die Jugendliche damals augenscheinlich auch "Satzteile von Erwachsenen reproduzierte". Für "ausgeschmückt" hält die Erziehungswissenschaftlerin das Erzählte allerdings nicht. "Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, dass das unplausibel ist." Auch die Mutter habe ihrer Auffassung nach "keinen Druck ausgeübt" und nicht schlecht über den Vater geredet.

Schriftlich festgehalten hat die pädagogische Mitarbeiterin auch ein Handpuppenspiel mit der Jugendlichen. In der Rolle einer Eule habe das Mädchen in diesem Spiel beobachtet, wie ein Mann ein Kind missbraucht. "Sie hat ihm dann Mäuse auf den Kopf geworfen, doch das hat nicht geholfen." Und auch die hinzugeholte Hornissen-Figur "konnte allein nichts ausrichten. Erst ein ganzer Schwarm hat geschafft, dass es aufhört".