Neue Heimat für Forscher und Insekten

Das neue Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie am Ohlebergsweg bietet auch Insekten eine Heimat - auf gleich drei Stockwerken.  Fotos: Schultz

Kunst am Bau: Ein Gießener Trio gestaltete das neue Gebäude des Fraunhofer-Instituts am Leihgesterner Weg sowohl außen als auch innen - und liefert damit spektakuläre Ansichten.

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. GIESSEN. Kunst am Bau, das hört sich irgendwie immer auch etwas nach Notlösung an, nach Anhängsel und Beiwerk, und das oft nicht ganz zu Unrecht. Doch was die Gießener Andreas Walther, Thomas Vinson und Henry Kreiling am und im Gebäude des Fraunhofer-Instituts für Molekularbiologie und Angewandte Ökologie umgesetzt haben, kann sich nicht nur sehen lassen - es ist schlicht bemerkenswert.

Die künstlerische Arbeit mit dem Titel "Von den Dynamiken inzwischen" zeigt sich schon im Außenbereich, wenn man auf dem Parkplatz am Ohlebergsweg zwischen neun Bäumen steht, die aus der ganzen Welt stammen. Weiter geht es mit der spektakulären Fassade: Eine künstlerisch gestaltete Partie dient der Beherbergung von Insekten - auf gleich drei Stockwerken. Das Hauptthema des Projekts ist dann in zentralen Bereichen des Atriums zu entdecken. Dort scheinen in einer hohen Wand zwanzig riesige Nadeln zu stecken. Sie sollen an Insektenkästen erinnern. Und tatsächlich leuchten an jeder Nadel gelegentlich diverse Insektenbilder auf, in einer zufälligen Anordnung. Hierzu entwickelten die Künstler eigens einen Diaprojektor, dessen Bilder auch bei Tageslicht sichtbar sind. Andreas Walther schwärmt: "Es gibt nirgends sonst einen so kleinen und gleichzeitig leistungsstarken Projektor." Als Gegengewicht zu dieser in einer klaren geometrischen Form angelegten Wand strahlt am Boden des geräumigen Atriums eine abwechslungsreiche Anpflanzung vor allem Ruhe aus.

Körper und Geist

Den Künstlern ging es bei ihrem Projekt um die Verhältnisse von Geist und Körper sowie zwischen Mensch und Natur. Es gehe darum, "ein ganzheitliches Verständnis aller Zusammenhänge des Lebendigen zu entwickeln, deren Teil wir letztlich sind", heißt es in der Projektbeschreibung.

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Das Team habe sich bei den Pflanzen bemüht, eine Auswahl zu bekommen, die auch eine Chance zum Überleben habe, erläutert Architekt Henry Kreiling. "So eine Innenraumbepflanzung steht ja unter ganz anderen Voraussetzungen als draußen", erklärt er. Es gehe um Luftfeuchtigkeit, Verträglichkeit untereinander, die Problematik von Schädlingen und Nützlingen sowie die spezielle Belichtungssituation. Andreas Walther ergänzt: "Es ist eine Zusammenstellung, die darauf abzielt, einen Regenwald oder subtropischen Wald nachzuempfinden, wie man ihn aus Fernost kennt. Es war schwierig, Pflanzen zu finden, die die trockene Luft der Klimatisierung vertragen."

Nach einer Ausschreibung der Fraunhofer-Gesellschaft kamen zunächst sieben Bewerbungen aus ganz Deutschland in die engere Wahl. Die drei Gießener überzeugten schließlich mit ihrem Entwurf, der drei Elemente zusammenbringt: der bildende Künstler Walther widmete sich den Pflanzen, Bildhauer Vinson den Nadeln und Architekt Kreiling der Außenfassade mit dem Insektenhotel. Vinson berichtet, dass zunächst auch über eine Klang-Arbeit nachgedacht wurde, aber das Team fand, dass dies auf Dauer zu nervtötend sein könnte. Schließlich einigten sie sich auf die Insektenwand, deren Bilder sich aber nicht abnutzen sollten. Daher erscheinen die Tiere wie in der Natur jeweils einzeln und zufällig. "Das war uns sehr wichtig", betont Vinson. Ausgesucht wurden Insekten, die im Zusammenhang mit dem Forschungsgegenstand des Instituts stehen, allerdings nach künstlerischer Maßgabe. Draußen herrscht eine strenge geometrische Ordnung, im Atrium wird eine gewisse Verwilderung stattfinden, "sodass man gleichsam die ungeschönten Lebensprozesse verfolgt", berichtet Andreas Walther.

Leuchtende Felder

"Wichtig war uns im Außenbereich die Betonung der Gebäudeecke durch das überdimensionierte Insektenhotel," sagte Vinson. "Sobald es dunkel wird, leuchten dort einige der Felder in sanftem Rhythmus in einem warmen gelben Ton auf und verdunkeln sich dann wieder. Auch diese Situation wiederholt sich nie, genau wie innen." Im ersten Stockwerk werden in den runden Hohlräumen kleine Insektenhotels platziert, um die Tiere dort anzusiedeln. Die dabei gewählte Farbe Gelb habe sich auch das Institut auf die Fahne geschrieben, ergänzt Walther, "die steht im Zusammenhang mit der Biotechnologie". Es sei auch geplant gewesen, dem Institut nach außen eine Identität zu geben, sagte Kreiling, "die ansonsten nicht ohne Weiteres ablesbar ist". Wissenschaft und Kunst sind in dem ansonsten streng geometrischen Block eine ungewöhnliche, ja lebendige Verbindung eingegangen: Gießen hat damit einen spannenden und originären architektonischen Bau hinzugewonnen.