Schon mehr als 140 Verhandlungstage im "externen Sitzungssaal"

Die Leichtbauhalle bietet Platz für Verhandlungen mit zahlreichen Beteiligten. Foto: Mosel

Der "externe Sitzungssaal" des Landgerichts Gießen soll mindestens noch bis Jahresende genutzt werden. Bisher fanden dort mehr als 140 Verhandlungstage, aufgeteilt auf 16...

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GIESSEN. Ein gutes Jahr ist es nun her, dass im "externen Sitzungssaal" des Landgerichts Gießen der erste größere Strafprozess über die Bühne ging. Am Stolzenmorgen mussten sich gleich sieben Angeklagte wegen gewerbsmäßigen Bandendiebstahls verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf ihnen vor, an verschiedenen Tatorten in Hessen Geldautomaten aufgesprengt zu haben, indem sie ein Gasgemisch einleiteten. Es war nicht das einzige spektakuläre und personell umfangreiche Verfahren, für das insbesondere in Zeiten von Corona mehr Platz - und mehr Abstand zueinander - benötigt wurde als in dem Gerichtsgebäude an der Ostanlage vorhanden ist.

Erinnert sei auch an die langwierigen Verhandlungen rund um Deutschlands größten Online-Drogenshop "Chemical Revolution", die kürzlich mit mehrjährigen Haftstrafen endeten. Die zweite Auflage mit einer Vielzahl weiterer Anklagepunkte folgt noch, mögliche Termine werden gegenwärtig mit den Verteidigern abgestimmt. Aktuell läuft im Gießener Osten zudem der Prozess gegen zwei Schulkameraden, die ihren Kumpel auf einem Gehöft in Hungen erschossen und zerstückelt sowie die Überreste teils im Wald vergraben, teils einbetoniert und in einem tiefen Gewässer versenkt haben sollen. Und gerade erst begonnen hat der Rechtsstreit um die mutmaßlichen Betrügereien eines Rohrreinigungs- und Sanierungsunternehmens aus Heuchelheim. "Hochgerechnet haben bereits über 140 Sitzungstage, aufgeteilt auf 16 verschiedene Verfahren, im 'externen Sitzungssaal' stattgefunden", berichtet Dr. Alexander Schmitt-Kästner, Richter und Pressesprecher am Landgericht Gießen, auf Anfrage des Anzeigers. Weil dadurch "auch unter Pandemie-bedingten Einschränkungen der Sitzungsbetrieb in Strafsachen aufrechterhalten werden konnte", falle das bisherige Fazit positiv aus. Auch wenn zuletzt ein Rechtsanwalt lautstark kritisierte, dass durch die zahlreichen Trennwände aus Plastik die Sicht auf die Richterbank unzulässig limitiert werde.

Mindestens bis Ende des Jahres - anfangs waren insgesamt zwölf Monate anvisiert worden - könne die 800 Quadratmeter messende und aus einem Aluminiumgerüst bestehende Leichtbauhalle weiterhin genutzt werden. Ob das Mietverhältnis darüber hinaus fortgesetzt wird, lasse sich indes momentan nicht beantworten, so Schmitt-Kästner. Hier gelte es zunächst, die weitere pandemische Entwicklung und den etwaigen Raumbedarf abzuwarten. Frühestens im Oktober werde dazu eine Entscheidung getroffen. Das könnte wiederum auch damit zusammenhängen, dass der Hessische Staatsgerichtshof am 27. des Monats über die Verfassungsmäßigkeit des "Sondervermögens zur finanziellen Bewältigung der Corona-Krise" ("Gute-Zukunft-Sicherungsgesetz") urteilt. Denn daraus stammen, wie es aus dem Justizministerium heißt, auch die Mittel für den "externen Sitzungssaal".

Von Benjamin Lemper