Tanzend zu mehr Lebensqualität mit dem KroKi-Verein Gießen

Gesellschaftliche Verantwortung: Im Namen der Commerzbank-Stiftung übergibt Gerhard Jung (rechts) 5000 Euro zur Förderung des Tanzprojekts der Psychosomatischen Kinderstation. Tarek Assam(links) und Prof. Burkhard Brosig sind dankbar für die Unterstützung. Foto: Moor

Den kranken Körper neu kennenlernen: Die Commerzbank-Stiftung unterstützt ein ehrenamtliches Tanzprojekt an der Psychosomatischen Kinderklinik in Gießen mit 5000 Euro.

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. Giessen. Die Pubertät ist für Jugendliche eine herausfordernde Zeit, geht doch der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenalter mit vielen Veränderungen einher - gerade auch körperlicher Art. Besonders schwer mag dies für junge Menschen mit einer chronischen Krankheit sein, die dadurch ohnehin ein schwieriges Verhältnis zum eigenen Körper haben. Hier setzt das Tanzprojekt der Psychosomatischen Kinderstation am Universitätsklinikum Gießen an, einer Kooperation zwischen dem KroKi-Verein für chronisch kranke Kinder, der Tanzcompagnie Gießen und dem Stadttheater Gießen. Deren langjähriges Engagement wurde nun durch eine Spende der Commerzbank-Stiftung unterstützt.

Seit etwa zehn Jahren besteht das Tanzprojekt nun, schätzen Prof. Burkhard Brosig, Leiter der Kinder- und Familienpsychosomatik, und Tarek Assam, Ballettdirektor und Chefchoreograf am Stadttheater. Aufbauend auf einer Idee von Pina Bausch sei Brosig damals auf Assam zugekommen, um eine Zusammenarbeit zwischen Klinik und Tanzcompagnie auf die Beine zu stellen. Zentral dabei ist, dass die Tänzer jedes Jahr aufs Neue geschlossen zustimmen müssen, das Projekt durchzuführen. Das Engagement ist komplett freiwillig. "Wir müssen die Kunst aus ihrem Elfenbeinturm herausholen und unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen", betont Assam, da jeder jemanden mit einer chronischen Erkrankung kenne oder gar einmal selbst davon betroffen sein könnte. Zwei- bis viermal im Jahr kommen die Tänzer in wöchentlich wechselnden, kleinen Teams von zwei bis drei Personen ans Klinikum, um insgesamt vier Wochen mit den Kindern und Jugendlichen in Workshops zu arbeiten. Dabei sei dies bewusst keine Tanztherapie, betont Burkhard Brosig, stehe also nicht die Heilung im Fokus, sondern die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation. Identität und Körperbewusstsein seien immerhin besonders schwierig, wenn man körperlich krank sei, so der Mediziner. Die Teilnehmenden sollen ihren Körper im Projekt auf eine neue, positive Weise kennenlernen, was zu einer größeren Akzeptanz und besserem Umgang mit der jeweiligen Erkrankung, damit auch zu mehr Lebensqualität führen soll.

Dass die Kinder und Jugendlichen oftmals aus einem kulturfernen Umfeld stammen, spiegele sich häufig in deren Umgang mit den Tänzern, zu denen der Zugang erst einmal erarbeitet werden muss, erklärt Paolo Fossa, Trainingsleiter der Tanzcompagnie, der auch im Rahmen des Tanzprojekts bei jedem Team die Führung innehat. Für die Tänzer, die keine psychologische Ausbildung haben, könne das Engagement sehr belastend sein, auch wenn sie nicht wüssten, welche Diagnosen die Kinder hätten. Denn man habe es nicht mit "gewöhnlichen" Jugendlichen zu tun, die Teilnehmenden gäben ihre eigenen Kämpfe oft weiter. Jedoch seien die Tänzer sehr empathisch, betont Paolo Fossa, und würden schnell ein enges Verhältnis zu den Kindern aufbauen. "Was ich mit den Kindern mache, mache ich auch mit den professionellen Tänzern", führt Fossa aus, dass im Projekt mit verschiedenen Körperübungen, Spielen und sehr viel Improvisation gearbeitet werde; aus einzelnen Elementen werde dann eine komplexe Choreografie aufgebaut.

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Einen festen Fahrplan habe er dabei nicht, zwar gebe es eine gewisse Struktur, diese würde jedoch immer wieder individuell an die Gruppendynamik angepasst. Üblicherweise würden die Jugendlichen auch zu Proben und Aufführungen der Tanzcompagnie eingeladen, für sie sei es dann besonders bestärkend zu sehen, wenn sie ähnliche Kenntnisse wie die Profis hätten - durch Corona muss jedoch in diesem Jahr darauf verzichtet werden.

Für die Patienten auf der Station ist die Teilnahme am Tanzprojekt verpflichtend - die Altersspanne reiche von sechs bis 18 Jahren, wobei der Schnitt etwa bei 13 Jahren liege, erklärt Brosig. Die Kinder hätten vor allem körperliche Störungen - sei es Diabetes, Essstörungen, chronische Schmerzen oder Traumata durch sexuelle Gewalt. Paolo Fossa freut sich immer besonders, zu sehen, wenn die Kinder sich weiter entwickelten, mit anfangs für sie problematischen Berührungen keine Schwierigkeiten mehr hätten und ihr Selbstbewusstsein wachse.

Das Tanzprojekt der Psychosomatischen Kinderklinik gehört zu elf Projekten in den Bereichen Soziales, Kultur und Wissenschaft bundesweit, die von der Commerzbank-Stiftung in diesem Jahr gefördert werden. Die einzelnen Niederlassungen konnten dabei den Zweck selbst wählen, erklärt Gerhard Jung, Leiter der Region Gießen/Kassel. Und ein Kollege habe daraufhin den KroKi-Verein vorgeschlagen. Corona habe gezeigt, wie wichtig Gesundheit und gesellschaftlicher Zusammenhalt seien, freute sich Jung, mit der Spende über 5000 Euro ein für die Region wichtiges Projekt unterstützen zu können.

Für das Tanzprojekt gibt es übrigens keine genauen Vorbilder, jedoch befassten sich schon wissenschaftliche Publikationen mit dessen Effekten, so Brosig. Es gibt allerdings den Wunsch, das Konzept weiterzutragen - mittlerweile hat Paolo Fossa einen Ableger des KroKi-Vereins in Düsseldorf gegründet. Ein dortiges Krankenhaus habe schon Interesse angemeldet, das Tanzprojekt auch dort zu initiieren. Da die Projekte auf Unterstützung angewiesen sind, freut sich der Verein nicht nur über neue Mitglieder, sondern auch über finanzielle Zuwendungen.