Vision einer autofreien Gießener Innenstadt

Fahrraddemonstration, Straßenmusik, Reden: Mit unterschiedlichen Aktionen machen die Aktivisten auf ihre Verkehrsideen aufmerksam. Fotos: Scholz

Mit einem Verkehrswendetag präsentierten am Freitag Aktivisten ihre Ideen für den künftigen Gießener Verkehr. So fordert etwa Jörg Bergstedt den Einstieg in den kostenlosen ÖPNV.

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GIESSEN. Es wird laut, als sich der große Demonstrationszug am Freitagmittag am Berliner Platz in Bewegung setzt. Schätzungsweise 1000 Teilnehmer machen sich auf den Weg in Richtung Elefantenklo und skandieren dabei immer wieder Forderungen wie "Gießen autofrei!". Auf Transparenten sind Botschaften zu lesen wie "Save me. There is no Planet B". Diesmal steht die große "Fridays for Future"-Demonstration allerdings nicht für sich. Unterstützt auch von Studierenden ist sie Teil des Verkehrswendetags, zu dem Initiativen und Gruppen wie die "Projektwerkstatt Saasen" in die Innenstadt geladen haben. Mit einer Reihe unterschiedlicher Aktionen rund um ein Straßenfest in der Neustadt wie einer Fahrraddemonstration, einer eigens abgesperrten Fahrradstraße über die Sachsenhäuser Brücke oder einem selbst gebauten Straßenbahnwagen machen die Aktivisten ihre Vision von einer autofreien Gießener Innenstadt sichtbar.

Mehr ÖPNV

Es geht um Klimaschutz. Es geht um neue Ideen für Mobilität, wobei Jörg Bergstedt von der "Projektwerkstatt Saasen" bei der zentralen Kundgebung an der Galerie Neustädter Tor darauf hoffte, dass die ganze Innenstadt bald autofrei ist. Kritische Worte fand der Umweltaktivist für ein älteres Flugblatt der Stadt Gießen, dem zu entnehmen sei, dass die Stadt sich verpflichte, Kohlenstoffdioxid-Emissionen bis 2010 um 50 Prozent zu reduzieren. Das habe man natürlich längst vergessen. "Das wird in Zukunft so ähnlich sein: Dass uns Politiker irgendetwas versprechen, das am Ende in den Papierkorb wandert", spitzte Bergstedt, der das Flugblatt mitgebracht hatte, zu. Kritische Worte auch für die städtische Vermarktung des Gebietes "Am alten Flughafen", die einen Gleisanschluss vorsehe. "Ihr könnt da mal hinfahren: Da sind inzwischen alle Gleise rausgerissen", rief Bergstedt der Zuhörerschaft zu. Angesiedelt werde stattdessen der "Otto"-Versand, der zu 100 Prozent auf LKWs setze. "Kein einziges Stückgut wird dort mit der Bahn rein- oder rausgefahren. Das ist die Realpolitik. Sie labern uns voll im Internet, mit bunten Broschüren. Aber real machen sie hintenrum etwas ganz anderes", meinte der Aktivist. Aus diesem Grunde mache es nicht viel Sinn, sich vor das Rathaus zu stellen und zu appellieren. "Was wir hinkriegen müssen, ist ein Druck und eine Stimmung zu erzeugen, bei dem die gar nicht mehr anders können", unterstrich Bergstedt. Die "Fridays for Future"-Bewegung gehöre ebenso dazu wie viele kleinere Aktionen. Zudem gebe es mittlerweile von verschiedenen Initiativen einen kompletten Verkehrswendeplan, wie sich Gießen in den nächsten sechs Jahren verändern solle. "Mit einer Straßenbahn, weil die Busse den Umstieg überhaupt nicht bewältigen können. Wir brauchen in Gießen Straßenbahnen, die über den Marktplatz fahren", so der Umweltaktivist. Autos sollten aus der Innenstadt komplett verschwinden. Man brauche zudem ein Netz von Fahrradstraßen und den Nulltarif im ÖPNV, damit die Leute wirklich umsteigen. Darüber hinaus bedeute der Nulltarif die "klassenlose Gesellschaft im Waggon". Insofern hoffe er, dass man eine lebendige und vielfältige Bewegung bleibe.

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Mit dabei ist auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), wobei der Gießener Kreisvorsitzende Klaus Zecher hervorhob, dass Beschäftigung und Umweltschutz keinesfalls gegeneinander ausgespielt werden könnten. "Wir als Gewerkschaften treten für eine Verkehrspolitik ein, die sowohl den Arbeitnehmern nützt als auch der Umwelt", betonte Zecher. Deshalb fordere man mehr Öffentlichen Personennahverkehr, mehr Schienenpersonenverkehr und eine Verbilligung der Fahrpreise mit der Perspektive eines Nulltarifs für den ÖPNV. Es fehle nicht an den nötigen finanziellen Mitteln. Vielmehr gelte es, auf mehr Steuergerechtigkeit zu setzen.

Kohleausstieg bis 2030

Die "Fridays for Future"-Bewegung stellte erneut ihre Forderungen an die Bundesregierung vor, darunter die Einhaltung des 1,5-Grad-Ziels, zu dessen Einhaltung sich die Bundesregierung im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet habe. Auch fordere man den Kohleausstieg bis 2030 und dass Deutschland bis 2035 nicht mehr Kohlenstoff emittiert, als es durch natürliche Vorkommen abbaut. Ebenfalls bis 2035 solle das Land zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien setzen. Dies alles sei nötig, um bis 2050 klimaneutral zu sein.

Was es heißt, wenn Teile der Gießener Innenstadt autofrei sind, konnten die Teilnehmer beim Straßenfest erfahren. Denn die komplett gesperrte Neustadt war von Ständen flankiert, an denen neben Informationen zum Thema Verkehr auch Speis und Trank zu haben waren. Mit Musik sorgten die Veranstalter für eine entspannte Atmosphäre, durch die die Aktivisten einen selbst gebauten Straßenbahnwagen zogen. Unter anderem mit Fahrraddemonstrationen machten die Teilnehmer auf ihre Anliegen aufmerksam, was von Autofahrern bisweilen Geduld verlangte. So staute sich der Verkehr beispielsweise am Nachmittag bisweilen vom Oswaldsgarten bis in die Marburger Straße.