„Wasser wird für selbstverständlich gehalten“

Kläranlagen, die die Grundlage für aufbereitetes Abwasser sind, benötigen viel Energie. Was das Wasserrecht angeht, gibt es laut Prof. Ulf Theilen in Bezug auf Wiederverwendung keine rechtlichen Rahmenbedingungen, ob aufbereitetes Abwasser noch als Abwasser oder als „normales“ Wasser zu klassifizieren ist. Symbolfoto: picture alliance/dpa

Die DWA hatte gemeinsam mit der THM und dem RP Gießen zu einer digitalen Fortbildung zum Thema Wasserwiederverwendung eingeladen.

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. GIESSEN. Das Thema Wasserwiederverwendung beschäftigt nicht nur die Landwirte, sondern auch die Wissenschaft intensiv. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V. (DWA) hatte gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) und dem Regierungspräsidium Gießen zu einer digitalen Fortbildung zu diesem Themenbereich eingeladen.

Kläranlagen, die die Grundlage für aufbereitetes Abwasser sind, benötigen viel Energie. Was das Wasserrecht angeht, gibt es laut Prof. Ulf Theilen in Bezug auf Wiederverwendung keine rechtlichen Rahmenbedingungen, ob aufbereitetes Abwasser noch als Abwasser oder als „normales“ Wasser zu klassifizieren ist. Symbolfoto: picture alliance/dpa
Prof. Ulf Theilen

Das „Mittelhessische Seminar der Wasserwirtschaft“ unter der Leitung von Prof. Ulf Theilen setzte genau bei diesem Thema Impulsakzente. Neben der Frage, welche neuen rechtlichen Rahmenbedingungen und technische Ansätze es beim Thema Wasserwiederverwendung gibt, lag der Fokus ebenfalls auf neuen Regelwerken und neuen Vorgaben. Sowohl Prof. Theilen wie auch ein weiterer Referent, Prof. Steffen Heusch, dozieren beide an der THM im Fachbereich Bauwesen und sind fast alltäglich mit diesen Fragen konfrontiert.

Den Anfang machte Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich. „Ich finde das Thema sehr interessant, bin aber nicht tief in der Materie drin – aber Sie sind es“, leitete der Regierungspräsident die Veranstaltung ein. Wasser sei für die Menschen sehr wichtig, ebenso wichtig wie der Informationsaustausch über Fachgruppen hinweg. „Wasser wird für selbstverständlich gehalten“, fasst der Jurist das Kernproblem beim Thema Wasserwirtschaft zusammen.

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Mit genau diesem Problem beschäftigt sich Theilen bereits seit mehreren Jahren. Seit dem Sommersemester 2001 ist er an der THM und ermuntert zu Beginn vor allem seine Studierenden, an dem Thema mitzuwirken. „Viele fragen sich: Warum Wasserwiederverwendung? Wir haben doch genug Wasser“, so die Einschätzung des Forschers. Doch es zeigt sich, dass in den vergangenen Jahren ein deutlicher Wassernotstand zu verzeichnen war, beispielsweise im August 2020. Dort lagen die Hotspots beispielsweise auch an Orten in Hessen, beispielsweise in Rheinhessen und Nordhessen.

Mehr als nur Abwasser

„Es tut sich was, 2020 war keine Ausnahme. Wir haben die trockensten Jahre der letzten 100 Jahre“, berichtet Theilen. Zugleich habe die Landwirtschaft einen hohen Wasserbedarf und auch Kläranlagen, die die Grundlage für aufbereitetes Abwasser sind, benötigen große Mengen an Energie. Was das Wasserrecht in Deutschland angeht, gibt es laut Theilen keine rechtlichen Rahmenbedingungen. „Wir haben keine konkret auf die Wiederverwendung von Wasser ausgerichteten Regelungen“, so der Professor.

Ebenso habe man bisher keine Regelung, ob aufbereitetes Abwasser noch als Abwasser oder als „normales“ Wasser zu klassifizieren ist. Dennoch, so Theilen, gäbe es erste rechtliche Fortschritte in Form einer EU-Verordnung für die Wasserwiederverwendung. „Die EU-Verordnung über Wasserwiederverwendung ist seit Juni 2020 in Kraft und muss bis zum 26. Juni 2023 zu nationalem Recht werden“, berichtet der Forscher. Jedoch gibt es Kritik an dieser Verordnung, da sie sich primär auf die Verwendung in der Landwirtschaft bezieht.

Die Verordnung soll dafür sorgen, dass der Bedarf an Mineraldünger durch aufbereitetes Wasser verringert werden soll, aufgeteilt in vier Güteklassen. In Hessen werden 5,72 Prozent der Flächen bewässert, die Landwirtschaft und die Grundwasseranreicherung sind Nutznießer des aufbereiteten Wassers. „Inzwischen wird aufbereitetes Wasser sogar als Trinkwasser eingesetzt“, berichtet der Forscher.

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Sorgen machen sich Heusch und Theilen über die Wetterlagen. „Wir haben viele Wetterextreme und einen schlechten ökologischen Zustand der Fließgewässer, das macht Sorgen“, berichtet Heusch. Abschließend blendet Theilen ein Zitat des amerikanischen Ingenieurs Charles Kettering ein: „Wir sollten uns um die Zukunft sorgen, denn wir werden den Rest unseres Lebens darin verbringen“.

Foto/Screenshot: Leyendecker