1250 Jahre Bellersheim mit Gala gefeiert

Die Festdamen der 1250-Jahr-Feier in Bellersheim schwangen das Tanzbein.  Fotos: R. R. Schäfer

Bellersheim feierte mit einem Gala-Kommersabend sein 1250-jähriges Bestehen. Tanz, Akrobatik und viel Geschichte standen im Mittelpunkt.

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BELLERSHEIM. An den Ortseingängen von Bellersheim künden bunte künstlerisch gestaltete Holzpfähle und übergroße Strohfiguren, ein Bauer mit Schwein und Kuh sowie ein Ritter mit Schwert, vom Festjahr zum 1250-jährigen Bestehen des Dorfes. Die Feierlichkeiten starteten im Januar mit einem bombastischen Neujahrskonzert und gingen am Wochenende unter dem Motto "Bellersheim - festlich" mit dem Gala-Kommersabend im feierlich mit historischen Fotos von Bellersheim geschmückten Dorfgemeinschaftshaus weiter.

Moderator Dirk Schwarzhaupt hieß die zahlreich erschienen Gäste zunächst alleine willkommen und entschuldigte seine Co-Moderatorin Sophia Röhrich, die sich an die im Dorf gültige Regel "Bellersheimer Pünktlichkeit ist zehn Minuten nach der Zeit" hielt. Als sie endlich erschien, gekleidet in einen traditionellen Trachtenrock, sprach sie nur Dialekt. Schwarzhaupt hoffte derweil, das Sprachproblem sei durch Anlegen "moderner" Kleidung zu beseitigen.

Ortsvorsteher Jörg Weil sprach Begrüßungsworte, bevor Bürgermeister Rainer Wengorsch einen kurzen Blick zurück in die Bellersheimer Geschichte warf. "Heute ist Bellersheim ein Dorf mit einer starken Gemeinschaft, in dem die Menschen gerne leben", führte er aus und ergänzte: "In Bellersheim wird gerne gefeiert, und mit dem Bewusstsein für Jubiläen gepaart mit Energie und hohem Arbeitseinsatz wird das 1250-jährige Dorfbestehen zu einem ganz besonderen Highlight". Anschließend versuchte Schwarzhaupt, die mittlerweile in ein traumhaft-schönes rosa Cocktailkleid gehüllte Sophia Röhrich mit dem Satz "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen" aus "My fair Lady" zum Hochdeutschen zurückzuführen, was leider nicht gelang. Sie blieb beim Dialekt.

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Nun wurde es Zeit, die Festschrift samt Dorfchronik zu präsentieren. In den vergangenen Monaten hat eine engagierte Gruppe Bellersheimer Material und alte Fotos dafür gesammelt und das Werk umgesetzt. Den geschichtlichen Werdegang Bellersheims stellte Björn Rosenau in drei Epochen-Häppchen - Frühzeit, Mittelalter und Neuzeit - vor.

Die fruchtbaren Böden der Wetterau lockten schon in der Jungsteinzeit Menschen ins Bellersheimer Gebiet und später zeugten Grabhügel aus der Bronzezeit von der eifrigen Nutzung des Siedlungsplatzes. Aus römischer Zeit habe man noch spärliche Reste einer Villa Rustica (Landgut) im Markwald Bellersheim gefunden. Die Steine des Hofguts finden sich in zahlreichen Bellersheimer Häusern wieder. Es wurde wohl als Steinbruch missbraucht. Die Römer brachten damals Straßen, Wasserleitungen, Ackerbau und Viehzucht nach Bellersheim.

Erstmals 769 wurde Bellersheim, früher noch "Baltratisheimer marca" genannt, in einer Urkunde des Kloster Lorch erwähnt. Nantherus von Baldratesheim schenkte dem Kloster Land. Erst Ende des 11. Jahrhunderts taucht Bellersheim dann wieder in Urkunden auf. In Turnierbüchern werden die Ritter von Bellersheim als erfolgreiche Teilnehmer gelistet.

Im Mittelalter gab es drei Burgen in Bellersheim, die Ober-, Mittel-, und Unterburg. Die Ritter von Bellersheim, Vasallen von Arnsburg und Münzenberg, hatten dort vermutlich ihren Stammsitz. Bellersheim war ein eigener Gerichtsbezirk, hatte eine Dorfbefestigung inklusive dem Haingraben und drei Dorftore.

Nach so viel Geschichte sorgten die Festdamen mit einem beschwingten Tanz für Auflockerung und anschließend sprach Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich über die Wichtigkeit Europas für Frieden und Freiheit. "Kleine Orte stehen heute vor großen Herausforderungen, ein lebendiges Gemeinwesen ist Garant für die Zukunft", hob er hervor. Auch Landrätin Anita Schneider lobte das gesellschaftliche Miteinander in Bellersheim. "Ein Pfeiler für die Zukunftsfähigkeit kleiner Orte ist das Ehrenamt und ein reges Vereinsleben", stellte sie heraus.

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Als Co-Moderatorin Röhrich immer noch Dialekt sprach, verfrachtete Dirk Schwarzhaupt sie in eine Trickkiste und verdrehte damit Kopf und Körper gegeneinander - und siehe da, das Sprachproblem ward endgültig gelöst.

Weiter ging es mit dem Vortrag von Björn Rosenau über Bellersheim im Mittelalter. Nach der Reformation wurde die Dorfbefestigung aufgegeben und der Wassergraben zugeschüttet. 1607 kam es zu einem großen Brand, dem 100 Häuser zum Opfer fielen und der folgende 30-jährige Krieg hinterließ Bellersheim als Trümmerfeld. Zu allem Überfluss wurden 1635 auch noch 60 Bellersheimer Frauen verschleppt. Die Burgen wechselten oft die Besitzer bis auf einigen Umwegen 1873 die Oberburg in Besitz der Fürsten zu Solms-Braunfels und die Mittelburg in Gemeindebesitz überging. Die Unterburg verblieb in Privatbesitz. Die Gemeinde riss große Teile der Mittelburg ab und richtete im verbliebenen Gebäude die Bellersheimer Schule ein. Anschließend erzählte Pfarrerin Beate Fritzsche von ihrem Lieblingsplatz, der alten Eiche am Gänsberg und zog inspiriert durch deren knorrigen Wurzeln Parallelen zum Menschen: "Verwurzelung ist das wichtigste Bedürfnis der menschlichen Seele". Die folgende hochkarätige Akrobatikshow mit drei jungen Damen der Walddorfschule Bad Nauheim, genannt Varieté Voilà, sorgte im Publikum für ungläubiges Staunen und bekam frenetischen Beifall.

Zum Ende der Veranstaltung widmete sich Björn Rosenau der Neuzeit in Bellersheim. Um 1900 zog die Moderne ein, 1897 bekam Bellersheim einen Bahnhof, 1909 und 1911 gab es fließend Wasser und Elektrizität, aber erst 1964 wurde die Kanalisation in Bellersheim als einer der letzten Gemeinden im Landkreis verlegt. An Heiligabend 1944 wurde das Dorf von Bombern der US Air Force angegriffen. Zwei Staffeln mit 26 Maschinen warfen irrtümlich rund 700 Bomben auf das Dorf ab, das eigentliche Angriffsziel war der Flugplatz Harb bei Nidda. Nach Kriegsende 1945 kamen 450 Flüchtlinge nach Bellersheim bei damals ganzen 600 Einwohnern. 150 Flüchtlinge zogen bald nach Darmstadt weiter, aber 300 blieben auf Dauer und brachten den Katholizismus und ihre Kultur, insbesondere auch den Straßenfasching, nach Bellersheim.

Noch spielte sich das Leben fast ausschließlich im Dorf ab, es gab alle Handwerksberufe und viele Gastwirtschaften. 1970 wurde im Tagebau Braunkohle abgebaut und als 1976 die Grube zugeschüttet wurde, entstand der Barbarasee. Ein weiterer Eckstein war 1977 die Eingemeindung Bellersheim nach Hungen. Zu erwähnen bleibt noch 2015 die Erringung des Titels "Dolles Dorf" und das Jahrhunderthochwasser 2018.