Gunter Demnig verlegt in Langsdorf, Hungen und Grüningen 32...
"Die ,Stolpersteine' sollen uns an das erinnern, was die Menschheit kann, aber nicht darf, und die guten Menschen bei ihrem Tun unterstützen", sagte eine Nachfahrin jüdischer...
LANGSDORF/HUNGEN/GRÜNINGEN. Langsdorf/Hungen/Grüningen (hek/ger). "Die ,Stolpersteine' sollen uns an das erinnern, was die Menschheit kann, aber nicht darf, und die guten Menschen bei ihrem Tun unterstützen." Yael Chalfan fasste bei der Verlegung von "Stolpersteinen" in Hungen für ihre Großeltern und ihren Vater die Bedeutung dieser Art der Erinnerung in einfachen Worten zusammen. Insgesamt 32 der im Boden eingelassenen Steine mit den Messingtafeln mit biografischen Daten verlegte der Künstler Gunter Demnig am Mittwoch in Langsdorf, Hungen und Grüningen.
In Langsdorf wurde dabei zum ersten Mal im Licher Stadtgebiet ein solcher "Schritt in der Erinnerungskultur an das jüdische Leben", wie es Bürgermeister Bernd Klein beschrieb, gemacht. Dieser sei umso wichtiger, da mit dem zeitlichen Abstand zu den schrecklichen Geschehnissen der NS-Zeit "deren Bedrohlichkeit zu schwinden drohe. Deswegen müssen wir Sorge tragen, dass so etwas nie wieder passiert", betonte Klein bei der Gedenkveranstaltung in der Straße "Im Himmerich".
Dort hatte die Familie von Max und Bertha Oppenheimer ihre letzte selbst gewählte Wohnung in Deutschland. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1934 wurden sie in ihrem Haus von einem in Hungen stationierten SS-Sturm mit Dolchen und Schusswaffen überfallen und schwer misshandelt. Max Oppenheimer wurde bei dem Überfall so schwer verletzt, dass er zwei Tage später im Krankenhaus in Gießen verstarb. Seine Witwe Bertha und ihre vier Kinder Zilly, Siegfried, Hugo und Gerhard verließen Langsdorf Ende 1935. Bis 1933 hatten sie dort in guter Nachbarschaft gelebt. Nach einer Station in Kulmbach gelang ihnen die Flucht in die USA. "Enkel und Urenkel von ihnen leben noch dort, aber es ist bisher leider kein Kontakt zustande gekommen", erklärte Ursula Jack, die die "Stolperstein"-Verlegung in Langsdorf maßgeblich vorangetrieben hat. Dass sie erst jetzt zustande kam, lag daran, dass der frühere Bewohner des Hauses sich gegen "Stolpersteine" vor dem Gebäude ausgesprochen hatte.
Mit Gedanken der Langsdorfer Konfirmanden, in welcher Welt sie zukünftig leben wollen - einer friedlichen Welt ohne Rassismus und Diskriminierung - endete die Gedenkveranstaltung rund um die Verlegung in Langsdorf.
In Hungen verlegte Gunter Demnig im Anschluss 15 "Stolpersteine" vor drei Gebäuden, von denen Bürgermeister Rainer Wengorsch hofft, dass Passanten im übertragenen Sinne darüber stolpern und zum Nachdenken angeregt werden, "wenn sie einen Blick auf das Haus werfen und an die erinnert werden, die fehlen, denen ihr Leben genommen wurde". Und an die Nachfahren der mit einem "Stolperstein" Bedachten, die aus Israel, Kanada und Südafrika extra für die Verlegung angereist waren, drückte er die Hoffnung aus: "Mögen die ,Stolpersteine' einen kleinen Beitrag zur Versöhnung leisten."
Elf "Stolpersteine" erinnern jetzt im Pohlheimer Stadtteil Grüningen an damalige Nachbarn, Freunde und Bekannte. Der Erste davon wurde in der Langgönser Straße 1 ins Pflaster eingelassen. Nur Hammer, Meißel und Kelle mit entsprechendem Zement benötigt Demnig in ruhiger Arbeit zur Verlegung. Kurze Zeit später strahlte im Glanz der Sonne das Messingschild vor dem früheren Zuhause und erinnert an den 1867 geborenen Grüninger Adolf Hess.
Zahlreiche Bürger, darunter Bürgermeister Udo Schöffmann, würdigten in Stille den Moment der Verlegung. 2009 wurden in einer vom verstorbenen Frank Pötter initiierten Aktion 20 "Stolpersteine" in Watzenborn-Steinberg verlegt. Heute tragen unter anderem Tim und Simone van Slobbe die "Stolperstein"-Initiative in Pohlheim. Am Abend wurde in einer Andacht mit Pfarrer Matthias Bubel und dem Chor "Laudate" der ehemaligen Mitbürger gedacht und bei einem Rundgang durch Grüningen an den "Stolpersteinen" Halt gemacht.