Kirchturm in Langd muss für 415 000 Euro saniert werden

Der Turm der evangelischen Kirche in Langd muss umfangreich saniert werden.  Foto: Schäfer

Die evangelische Kirchengemeinde hat Glück: Sie erhält viele Zuschüsse für die Sanierung des Chorturms und kann während der Bauarbeiten weiter Gottesdienste in der Kirche feiern.

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. LANGD. Seit einigen Wochen schweigen die Glocken von Langd und der komplette Kirchturm ist bis zur Hahn-Spitze hinter einem Baugerüst verschwunden. Mit einem kleinen Außenaufzug fahren Handwerker hinauf in luftige Höhen und arbeiten emsig an Gebälk, Dach und dem maroden Glockenstuhl. Nach jahrelangem Siechtum wird nun den Schäden am Kirchturm zu Leibe gerückt.

Die evangelische Kirche in Langd, ein hessisches Kulturdenkmal, besteht aus drei Baukörpern. Am ältesten ist der frühgotische, damals aus Bruchsteinen gemauerte und mit Apsis komplettierte, quadratische Chorturm, über dessen wahres Alter immer noch diskutiert wird. Einige Quellen datieren ihn auf Mitte des 13. Jahrhunderts. Andere blicken auf die älteste bekannte schriftliche Erwähnung von Langd unter dem Namen Langida um 1150 im Codex Eberhardi. Da in früheren Zeiten jedes Dorf eine Kirche oder zumindest einen Turm mit integriertem Gebetsraum besaß, liegt die Vermutung nahe, dass der Chorturm wahrscheinlich zwischen 900 und 1100 errichtet wurde.

Mittelalterliche Malereien

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Erst im 15. Jahrhundert wurde die spätgotische Sakristei angebaut. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Kirche baufällig wurde, riss man das mittelalterliche Schiff ab und errichtete zwischen 1862 und 1864 eine neue Saalkirche im Bäderstil. Außerdem bekam der Chorturm einen verschieferten Helm, auf dem ein achtseitiger Spitzhelm - gekrönt von einem Wetterhahn - thront. Aber alte Gemäuer sind immer für Überraschungen gut. 1911 fand man im Chorturm guterhaltene mittelalterliche Malereien vom heiligen Christopherus, Rittern und Kreuzigungsszenen.

Die letzte Renovierung war 1962 und der Zahn der Zeit hat der Kirche arg zugesetzt. Insbesondere der Chorturm hat sich seit etlichen Jahren zum Sorgenkind entwickelt, berichteten Pfarrerin Elvira Bodenstedt und der Vorsitzende des Kirchenvorstands, Wolfgang Fritz, im Gespräch mit dieser Zeitung. Als Erstes fiel auf, dass beim Läuten der Glocken das hölzerne Innenleben des Chorturms mitschwang. Die drei Glocken hängen nicht wie üblich nebeneinander, sondern in einem im inneren Holzkonstrukt verankerten Metallgestell übereinander, wobei die größte und schwerste Glocke zu oberst befestigt ist. 2012 sah sich ein Gutachter das Dilemma an und verbot das Läuten der größten Glocke wegen akuter Einsturzgefahr. Ab da erklang in Langd nur das Geläut der kleinen Glocken.

Als Bodenstedt 2016 als neue Pfarrerin nach Langd kam, bestand noch die Hoffnung, dem Glockenproblem durch eine kleinere Sanierung beizukommen. Mit der Schadensanalyse wurde das Architekturbüro Seidel und Muskau aus Wettenberg beauftragt. Die Ergebnisse waren niederschmetternd. Am Chorturm gab es viele Schäden: Gebälk, Glockenstuhl, innere Holztreppen sowie Aufgänge und vor allem das Dach waren marode. Eine Komplett-Sanierung war unumgänglich.

Auch im Kirchenschiff sah es nicht viel besser aus. Das Dach und die Elektroinstallation waren in die Jahre gekommen, der Fußboden - ohne richtiges Beton-Fundament, nur mit einem Lehmuntergrund ausgestattet - durchfeuchtet, der Putz an den Wänden bröckelig und die Holzbänke sehnten sich nach einer Aufarbeitung. Mit dem Zustand des Kirchenschiffs kann man wohl noch eine Zeitlang leben, aber die Turmsanierung kann nicht mehr hinausgezögert werden, lautete das Resümee von Muskau.

Veranschlagte Kosten: 415 000 Euro für den Chorturm und 860 000 Euro für das Kirchenschiff. Wolfgang Fritz kümmerte sich um die Finanzierung für den Chorturm als erstem Bauabschnitt. Das Landesamt für Denkmalschutz war bereit, 100 000 Euro beizusteuern, die Evangelische Kirche Hessen und Nassau (EKHN) beteiligt sich mit 80 Prozent an den verbliebenen 315 000 Euro, also 252 000 Euro. Den Restbetrag von 63 000 Euro muss die Kirchengemeinde stemmen. 20 000 Euro wird die Gemeinde mit einem zinslosen, über zehn Jahre laufenden Darlehen der EKHN decken, 10 000 Euro wurden in weiser Voraussicht seit 2012 in Kollekten gesammelt und die fehlenden 33 000 Euro will man aus Rücklagen, Haushaltsmitteln und Spenden aufbringen.

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Vor Corona bewilligt

Der zweite Bauabschnitt, die Renovierung des Kirchenschiffs, ist bisher noch reine Zukunftsmusik. "Das wäre schön", träumt Bodenstedt, kehrt aber sofort in die Realität zurück "Mit einer dunklen Kirchenwand kann ich gut leben, mit einem löchrigen Dach dagegen auf keinen Fall." Glück im Unglück hatte die Kirchengemeinde, dass alle benötigten Gelder gerade noch vor der Corona-Krise bewilligt wurden, denn mit Beginn der Krise hat die EKHN alle Mittel für Sanierungen bis auf Weiteres gestoppt.

In Langd wird seit März fleißig gewerkelt. Die schadhaften Balken im Dachstuhl sind schon alle erneuert und die Zimmermannsarbeiten fast abgeschlossen. In der nächsten Woche werden die Dachdecker anrücken, um das schadhafte Dach in Ordnung zu bringen. "Bisher wird der Zeitplan, der ein Ende der Bauarbeiten bis Weihnachten vorsieht, exakt eingehalten", loben Bodenstedt und Fritz und schieben gleich begeistert hinterher: "Erfreulicherweise können wir unsere Gottesdienste nach wie vor in der Kirche abhalten. Der Kirchenbesuch hat sich in Langd in Corona-Zeiten sogar verdreifacht."

Neuer Wetterhahn

Nach Abschluss der Sanierung wird ein neuer Wetterhahn die Turmspitze krönen. Der alte Hahn wurde in den 80er Jahren öfter von den "wilden" Langdern als Zielscheibe zweckentfremdet. 1952 für gerade mal 80 Mark angeschafft, "zieren" ihn heute unzählige Löcher von Luftgewehrgeschossen. Der neue, strahlend vergoldete Vogel schlägt dagegen mit 1000 Euro zu Buche und Fritz hofft, dass die Bürger heute tierlieber sind und den Vogel in Ruhe lassen.