Ein Lichtmagier aus Lollar

Heinz Mack im Düsseldorfer Museum Kunstpalast, wo heute eine Ausstellung mit seinen Arbeiten eröffnet wird. Foto: dpa

Der berühmte Zero-Künstler Heinz Mack wird heute 90 Jahre alt. Geboren und aufgewachsen ist er in Lollar.

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DÜSSELDORF/LOLLAR. düsseldorf/lollar (dpa/bj). Am Anfang hieß es, er habe nicht alle Tassen im Schrank. Der Zero-Künstler Heinz Mack war in jungen Jahren nicht nur experimentierfreudig, sondern auch sehr abenteuerlustig. Heute vor 90 Jahren wurde Mack in Lollar geboren. Seine Avantgarde-Kunst ist heute ein Klassiker. Eines seiner Werke befindet sich im Bestand des Oberhessischen Museums in Gießen.

Als Kanzler Konrad Adenauer in den 1950er Jahren auf großen Plakaten noch "Keine Experimente!" predigte, träumte der junge Heinz Mack schon von Expeditionen in die Sahara. Kurzentschlossen griff er damals zum Farbtopf und übermalte auf den CDU-Plakaten an den Litfaßsäulen das Wort "keine" mit schwarzer Farbe. Dafür musste der aufmüpfige Künstler 24 Stunden in Haft verbüßen. "Wir wurden auch bezichtigt, dass wir nicht mehr alle Tassen im Schrank hätten", erzählt Mack rund 65 Jahre später der Deutschen Presse-Agentur. Aber seine Experimentierfreude ist ungebrochen.

Heute wird der in Lollar geborene Mitbegründer der avantgardistischen Zero-Kunst 90 Jahre alt. Die futuristischen Werke, mit denen Mack und seine Freunde sich seit Ende der 50er Jahre gegen den Konservatismus der jungen Bundesrepublik auflehnten, gehören heute zu den Klassikern der Nachkriegsmoderne. Die Arbeiten der Zero-Künstler, zu denen neben Mack auch der 2014 gestorbene Otto Piene und Günther Uecker gehörten, werden international zu Höchstpreisen gehandelt.

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Davon war nichts zu ahnen, als er seine ersten Lebensjahre in "sehr bescheidener Umgebung" in Lollar verbracht hat, wie Mack 2016 in einem vom Frankfurter Städel initiierten Gespräch erzählte. Dorthin haben seine in Krefeld lebenden Eltern ihn und seine Schwester evakuiert, wo die beiden Kinder bei Verwandten untergebracht wurden und auch zur Schule gegangen sind. Seine Schwester und er seien in der dörflichen Umgebung auch als Stadtkinder "eigentlich sehr gut untergebracht" gewesen, erinnerte sich Mack. "Zeitweise waren wir, glaube ich, die einzigen Bewohner von Lollar, die Hochdeutsch sprachen."

Als er zehn Jahre alt war, sind zwei seiner Schulfreunde nach Gießen aufs Gymnasium gewechselt. Fast 14 Tage später sei er dann mit einem kleinen Taschengeld auf eigene Faust nach Gießen in die Schule gefahren und habe gesagt: "Ich möchte hier auch angemeldet werden!" Das gelang, und bei einem Musiklehrer entdeckte er seine Liebe zum Klavier, sodass sich Mack zwischenzeitlich mit dem Gedanken trug, professioneller Pianist zu werden. Zum Kriegsende seien seine Schwester und er dann nach Krefeld zurückgewandert. "Sogar unser Klavier ist mitumgezogen. Es war das einzige Klavier im ganzen Dorf. Mein Vater hatte es eigens für mich bestellt, damit ich in Gießen Unterricht bekommen konnte", erzählte Mack im Städel-Gespräch.

Berühmt wurde er Jahre später aber nicht auf der Konzertbühne, sondern mit silbrigen Reliefs, Lichtrotoren, glitzernden Stelen und Kunstexpeditionen in die Wüste und die Arktis. Schon 1959 arbeitete er sein "Sahara-Projekt" aus und scherte sich nicht um Adenauers Warnung, bloß keine Experimente zu wagen. In den 1960er Jahren bereiste Mack immer wieder die Wüsten Afrikas, wo er flirrende Installationen aus Spiegeln, Silberfahnen und Lichtstelen im rotbraunen Wüstensand entstehen ließ. Wie ein Astronaut auf einem fernen Planeten stapfte Mack im silbrig glitzernden Lurex-Overall durch das Sandmeer und zog eine meterlange silberne Fahne hinter sich hier. Es war die Zeit, als die bemannte Raumfahrt startete und die Menschen fasziniert von fernen Galaxien waren. Dass seine spektakulären Aktionen ziemlich selbst gemacht waren, gibt Mack Jahrzehnte später preis. Der Wüstenanzug etwa war sein eigener Entwurf, und zusammengenäht habe ihn die Mutter seiner Haushaltshilfe.

Auch die Skulptur, die sich als Leihgabe der Sparkassen-Kulturstiftung in der Dauerausstellung des Oberhessischen Museums befindet, ist auf diese künstlerische Phase zurückzuführen. Das Sandrelief "Ohne Titel" stammt aus dem Jahr 1961 und besteht aus einer viereckigen Platte, auf deren Oberfläche Sand fixiert ist. Auf der Platte zeichnen sich verschiedene Muster mit tieferen Riefen im Sand ab, während sich mittig ein höheres, aufgesetztes Quadrat mit einer Art versetztem "Eierkartonmuster" abhebt. Die Skulptur ist in eine Plexiglasvitrine eingehaust. Mack verwendete für die Skulptur ebenfalls Saharasand. Wie auch in seinen anderen Kunstwerken fängt er damit das Licht ein, reflektiert und bündelt es.

Mack studierte 1950 bis 1953 an der Kunstakademie in Düsseldorf - gleichzeitig mit Joseph Beuys, der einen völlig anderen Weg einschlagen sollte und mit seinen Materialien Fett und Filz geerdet blieb. "Wir haben uns bestens persönlich verstanden", sagt Mack über Beuys (1921-1986). "Aber was die Kunst betrifft, liegen wir astronomisch weit auseinander." Der gebürtige Lollarer entdeckte früh das Licht als Werkstoff seiner kühnen Projektionen. "Licht ist das Thema meines Lebens", sagt er. Mack sieht sich immer als Maler und Bildhauer gleichzeitig. Seine Lichtkunst setzt sich seit Anfang der 90er Jahre in großformatigen schwärmerischen Abstraktionen in den Spektralfarben fort. Manchen Kunstkritikern sind die leuchtenden Farbbilder, die er "chromatische Konstellationen" nennt, zu dekorativ. "Ich stehe dazu, dass Dinge schön sein können, und ich scheue mich nicht, Dinge zu machen die schön sind", entgegnete er einmal. Einfachheit könne im Übrigen auch das Schwerste sein.

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Bewegung und Licht sind schon früh in Macks Werken angelegt, wie eine Ausstellung zu seinem Frühwerk im Düsseldorfer Kunstpalast zeigt (siehe Kasten). Mack liebt auch das Monumentale. Er schuf große Skulpturen für Parks, Straßen und Plätze von München bis Berlin, die größte ist eine 42 Meter hohe Stele vor der Daimler-Hauptverwaltung in Stuttgart. Er war schon in hohem Alter, als er vor einigen Jahren Kunstfans mit einem tempelartigen Ensemble begeisterte. Die neun jeweils sieben Meter hohen Pfeiler waren mit 850 000 goldenen Mosaiksteinen bedeckt.

Auf fast 400 Einzelausstellungen kann der mehrfache Documenta- und Biennale-Teilnehmer zurückblicken. Schon 1959 nahm Mack erstmals an der Documenta in Kassel teil. "Das Ziel war, ganz große Kunstwerke zu schaffen, die in der Kunstgeschichte bestehen können".

Mack arbeitet noch täglich in seiner Werkstatt auf dem denkmalgeschützten Huppertzhof bei Mönchengladbach und ist auch sonst sehr agil. "Ich bin froh, dass ich noch kerngesund bin. Der Hausarzt geht immer wieder enttäuscht weg", sagt er. Macks Refugium ist eigentlich sein Haus auf Ibiza, für ihn die "Insel des Lichts". Der Corona-Lockdown aber verhindert dieses Jahr, dass er seinen Geburtstag dort verbringt.

Die Corona-Krise geht auch an dem meinungsstarken Mack nicht spurlos vorüber. Er fordert, dass die Museen bald wieder öffnen. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man weiterhin die Museen ausklammert, während man zur gleichen Zeit andere Bereiche öffnet", sagt er. "Genau wie die Lebensmittel ist doch auch die Kunst ein Lebensmittel. Ohne das geht es nicht."