Ein Stück Ortsgeschichte geht zu Ende: Edeka-Markt in...

Früher und heute - Jürgen und Gudrun Sohl machten alle Veränderungen des Geschäftslebens auf dem Land mit. Heute macht der Edeka zu.  Foto: Bender

Nach 82 Jahren schließen Gudrun und Jürgen Sohl den Edeka-Markt in Rüddingshausen. Damit geht ein Stück Ortsgeschichte zu Ende.

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RÜDDINGSHAUSEN. RüddingshausenIhre Stimme blieb weg, die Augen wurden glasig, als Gudrun Sohl von dem erzählte, was heute, nach 82 Jahren, mit dem Edeka-Markt in Rüddingshausen geschehen wird: "Um 13 Uhr machen wir zu." Selten sieht man Freud und Leid so nahe beieinander. Denn so sehr das Ehepaar Jürgen und Gudrun Sohl das "Aus" des Marktes in der Weitershainer Straße mitnimmt, so sehr freuen sie sich auch auf die Zukunft. Dazu erzählten sie ihre Geschichte.

1937 gründete Großvater Wilhelm Sohl den Laden, der damals mit 60 Quadratmetern eher ein Lädchen war. Gemeinsam mit seiner Frau Wilhelmine betrieb er das Geschäft. Bis ins hohe Alter kassierte sie ohne Taschenrechner ab.

Wilfried und Christel Sohl, die Eltern von Jürgen Sohl, übernahmen das Geschäft in den 70er Jahren. Doch so schnuckelig und heimelig der kleine Laden auch war - er musste vergrößert und dem Bedarf der Kunden angepasst werden. Das Paar baute einen neuen Laden, der alte wurde zur Lagerfläche.

Der Bau sei etwas Besonderes gewesen, sagt der Jürgen Sohl. Denn das Geschäft, das heute im Vergleich klein sei, zählte damals zu den großen, modernen Supermärkten. "Es gab einen Drehständer mit losen Süßigkeiten, süße Schnuller, Erdbeeren und Brausebonbons. Davon bekamen die Kinder immer etwas geschenkt", erinnert sich der Eigentümer, für den natürlich auch immer etwas abfiel.

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Im Jahr 2000 war er selbst längst erwachsen und übernahm mit seiner Ehefrau Gudrun die Leitung. Sie machten einen Durchbruch vom alten Lager und ehemaligen Geschäft zum neuen Supermarkt und vereinten die zwei Räumlichkeiten. Die zusätzliche Fläche wurde für ein Geschenke-Lädchen genutzt. Außerdem gab es hochwertige Wäsche oder Wolle. Zehn Jahre lang lohnte sich diese Neuerung, "dann kam Amazon". "Mit einem kleinen Sortiment konnte man da nicht mithalten." Diesem Wandel passte sich die alteingesessene Rüddingshäuser Familie an und machte 2012 aus dem Geschenke- einen Getränkeshop.

Über einige Jahre waren die Umsätze wieder stabil. Mit Aktionen wie dem jährlichen Besuch des Edeka-Trucks, Halloween- und Cocktail-Partys oder einer Weihnachtsausstellung sorgten die Sohls immer wieder für Attraktion im Ort und positiven Gesprächsstoff, doch das alles "brachte keine wirklichen Einnahmen", resümiert Gudrun Sohl. Auch ein Post-Paketshop sorgte zwar für Betrieb, aber nicht für Umsatz. Ein Hausmetzger lieferte auf Bestellung Fleisch und Wurst. Doch auch mit einem solchen Service konnten die beiden mit dem riesigen Angebot der großen Supermärkte nicht mehr mithalten: "Hat man 20 Biere im Angebot, fehlt sicher das 21.", sagt Jürgen Sohl. Dem Ehepaar wurde klar: "Es läuft nicht mehr rund. Die Umsätze wurden geringer, die Kosten blieben."

Im weiteren Verlauf der Geschichte begann Gudrun Sohl in einem Marburger Kaufhaus zu arbeiten. "Das war richtig schön, die Sicherheit, es war wie eine Erholung für mich." 2018 übernahm das kaufmännisch erfahrene Paar einen Edeka/Neukauf-Markt in Merlau. "Ein riesiges Risiko und es musste viel in dem Markt gemacht werden, aber jetzt fühle ich mich richtig wohl", sagt Gudrun Sohl, auch weil die Umsätze stimmten. "Am Abend, wenn ich Zuhause bin, kann ich wieder abschalten, das war eine Weile lang nicht so."

Wenn sie allerdings an ihre Kunden in Rüddingshausen denkt, wird sie wieder traurig. "Manche, vor allem die Älteren, kamen viermal am Tag", erklärt Jürgen Sohl. Der Laden sei ein Treffpunkt und eine Möglichkeit gewesen, unter die Leute zu kommen, eben ein wichtiger Teil der Infrastruktur im Ort. Ihre Kunden und Freunde können die beiden zwar nicht mitnehmen, aber die fünf Angestellten werden in den Markt in Merlau übernommen.

Was mit dem traditionsreichen Laden nun geschieht? "Wir wissen es noch nicht. Die Frage muss erst mal ruhen." Die zwei bleiben aber Rüddingshäuser, denn sie wohnen über dem nun ehemaligen Supermarkt, dessen Schließung eine Lücke im Ort hinterlässt und einige betrübte Bürger.