Lebenszeichen aus dem Licher Traumstern

Der Licht-Schein trügt. Noch hat das Traumstern geschlossen. Foto: Wagner

Allabendlich bieten sich Einblicke in das belebte Kinofoyer des Traumstern - dafür sorgt derzeit eine gewitzte Videoinstallation.

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LICH. Eine Besucherin, die ihren nassen Regenschirm im Foyer des Traumstern-Kinos ausschüttelt. Ein Hund, der sich quer durch den Raum bewegt. Eine Frau, die den Vorraum durch die Doppeltür verlässt. Und Mitarbeiter des Kinos, die kurz durch einen Seiteneingang hineinlugen. Dazu ein Bistrotisch, ein paar Pflanzen, ein Tresen und ein paar weitere Ausstattungsgegenstände: All das können Passanten beobachten, die in diesen Tagen an dem Programmkino in der Frankfurter Straße vorbeikommen. Heißt das also, die Kinobetreiber setzen sich einfach über die aktuell geltenden Corona-Beschränkungen hinweg und haben den Betrieb bereits wieder aufgenommen? Natürlich nicht. Für die Szenerie, die sich beim Blick auf den Eingang abspielt, sorgt eine gewitzte Videoinstallation von Anika Danielle Wagner und Tobias Eckhardt.

Dafür haben die beiden Licher einen Projektor im Foyer aufgebaut, der eine 16 Minuten lange Filmschleife auf den Türbereich projiziert. Von außen wirkt es, als böten sich hier Einblicke in das Kinoinnere. Tatsächlich aber sind es Filmbilder, die exakt die Szenerie des Raumes abbilden. "Routine" haben Wagner und Eckhardt ihr Werk genannt, das sie während der Arbeit daran gleich auf die nächste Idee gebracht hat. Dazu haben sie befreundete Musiker befragt, ob die nicht für ein kleines Konzert vor dem Traumstern spielen können. Diese Aufnahmen ließen sich ebenfalls auf die Tür projizieren und damit eine Art Live-Atmosphäre auf dem kleinen Vorplatz erzeugen, während die Musiker gar nicht vor Ort sind, sondern ihre Stücke irgendwo vor einer Kamera und einem Green Screen einspielen.

"Das sollen aber keine richtigen Konzerte werden", erklärt Anika Danielle Wagner, die an der Hochschule für Kunst in Offenbach Kunst studiert. Gedacht sei eher an ein paar Lieder, die als eine Art flüchtiger Hinweis dienen, dass das Kino noch lebt. "Wir wollen hier auch keine Konzertatmosphäre entstehen lassen", erklärt Techniker Eckhardt. Wenn Passanten neugierig werden und für ein paar Minuten vor dem Traumstern stehenbleiben, sei das Ziel erreicht.

Bekannt sind die beiden Filmenthusiasten Wagner und Eckhardt den Besuchern des Kinos bereits durch verschiedene Projekte. Sie haben etwa die "Quarantine Sessions" ins Bild gesetzt, bei denen Musiker aus der Region auf der Traumstern-Bühne ein Live-Set spielten, das sich weiter auf Youtube anschauen lässt. Darunter sind etwa Tess Wiley, Peter Hermann und Helmut Fischer. Zudem hat das Duo den Außenbereich des Kinos bereits mehrfach für Video-Installation genutzt. Vor Kurzem ging es dabei um die rassistischen Morde von Hanau, zuvor hat sich Anika Danielle Wagner mit der Geschichte der Juden in Lich auseinandergesetzt und Porträts von in der Nazi-Zeit ermordeten oder vertriebenen Bürgern an die Kinowand geworfen. Und auch andernorts hinterließ die Videokünstlerin ihre Spuren: in Hamburg, Offenbach und auf dem Berliner Platz in Gießen, wo sie eine Restaurantwand vor einer Bushaltestelle in ein Aquarium verwandelte.

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Zusammen mit Tobias Eckhardt hat sie auch bereits zahlreiche Kurzfilme fertiggestellt. Der gelernte Kaufmann für audiovisuelle Medien ist ein langjähriger Mitarbeiter des Traumstern, der an dieser Adresse mit seiner Liebe zum Film natürlich bestens aufgehoben ist. Die Traumstern-Betreiber Edgar Langer und Hans Gsänger "geben uns hier tolle Möglichkeiten", erzählt er.

Genutzt wurde die Zeit des Lockdowns im Traumstern aber auch auf andere, handfeste Weise. Das Foyer wurde renoviert, die Bühne im Saal umgestaltet und die Lichtanlage erweitert. "Fast hundert wunderbare Filme aus dem Bereich Filmkunst", so Kinomacher Edgar Langer, "warten auf ihr Publikum. Wir freuen uns darauf, endlich wieder zu spielen." Bis dahin soll weiter das Foyer-Video zu sehen sein: jeden Abend ab Einbruch der Dunkelheit bis gegen 21 Uhr.

Von Björn Gauges