Mord in Hungen: Partikel an Handschuhen belegen Schussabgabe

Viel Abstimmung erforderlich: Die Vorsitzende Regine Enders-Kunze mit zwei der vier Verteidiger.  Archivfoto: Mosel

Schmauchrückstände hat eine Expertin des Landeskriminalamtes noch fast vier Jahre nach der Bluttat in Hungen an einem Paar Handschuhe entdecken können, die offenbar dem...

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KREIS GIESSEN. Der malerische Innenhof ist von außen nicht einzusehen. Obwohl sich das Gehöft mitten im alten Ortskern befindet. Und sich um das schmale Gässchen gleich mehrere Anwesen drängeln. Doch die große Scheune, der Stall sowie verschiedene Nebengebäude bilden zusammen mit dem Wohnhaus ein stattliches Bollwerk gegen allzu neugierige Blicke. Womöglich sind die drei Kumpels aus diesem Grund der Idee verfallen, gerade in diesem Stadtteil von Hungen einen Swingerclub zu eröffnen. Allerdings wurde die angebliche Geschäftsidee nicht ansatzweise realisiert. Stattdessen geriet die in die Jahre gekommene Hofreite zum Tatort für ein abscheuliches Verbrechen. Denn dort erlag am 17. November 2016 einer der potenziellen Betreiber der freizügigen Begegnungsstätte einem heimtückischen Mordanschlag. Dafür verantwortlich sind nach Überzeugung von Staatsanwalt Thomas Hauburger die beiden anderen Männer, die deshalb nun wegen Mordes und erpresserischen Menschenraubes mit Todesfolge vor dem Gießener Landgericht stehen. Der 44-Jährige und der vier Jahre jüngere damalige Eigentümer der Immobilie beschuldigen sich indes gegenseitig, die tödlichen Schüsse völlig überraschend im Auto abgefeuert zu haben.

"Er wollte es loshaben"

Von der Bluttat ahnte das Ehepaar nichts, als es rund zwei Wochen später das Anwesen besichtigte und sich schnell für den Erwerb entschied. "Er wollte es loshaben und war ziemlich hektisch", erinnert sich die 57-Jährige am 14. Verhandlungstag vor der Schwurgerichtskammer an die Gespräche mit dem Verkäufer. Und alsbald wurde man sich handelseinig. Noch immer leben die Rentnerin und ihr Mann in der Hofreite, die im Sommer 2020 ins Visier der Ermittler rückte. Bis dahin war die Polizei nämlich von einem Vermisstenfall ausgegangen. Die unerwartete Wende kam erst, als der ältere Angeklagte auf der Dienststelle in Hanau auftauchte und den 40-Jährigen des Mordes bezichtigte. Dabei berichtete der Mathelehrer, sein früherer Kommilitone habe ihn gezwungen, beim Verstecken des Getöteten in einem Nebengebäude zu helfen. Zudem habe er den metallic-grünen Ford Fiesta reinigen müssen. Den Leichnam soll der vermeintliche Schütze kurze Zeit danach zerstückelt, in Plastikeimer einbetoniert und "in einem tiefen Gewässer" versenkt haben.

Mit allerhand technischem Gerät marschierte folglich das Team des Erkennungsdienstes der Gießener Polizei in Hungen an, um sich einen Überblick über die örtlichen Gegebenheiten zu verschaffen und nach möglichen Spuren zu suchen. Und tatsächlich vermitteln die Aufnahmen der 360-Grad-Kamera, die im "externen Sitzungssaal" am Stolzenmorgen gezeigt werden, einen unmittelbaren Eindruck des Komplexes. Der Betrachter scheint selbst anwesend zu sein und jedes noch so winzige Detail kann herangezoomt werden. Dadurch erschließen sich auch die begrenzten Größenverhältnisse des Innenhofes, in den die Männer am Tatabend offenbar mit dem Kleinwagen hineingefahren waren. Der Mathelehrer hat wortreich und befremdlich emotionslos geschildert, der 40-Jährige habe auf dem Weg von Hanau nach Hungen hinter dem Steuer gesessen. Nach einem Rundgang durch das Gehöft habe er die beiden anderen überredet, sich wieder in das Auto zu begeben, um die Parkplatzsituation aus "Kundenperspektive" zu begutachten. Nun aber habe sich der frühere Studienkollege auf die Rückbank gesetzt und von dort aus "den Daniel" auf dem Beifahrersitz erschossen, während für den 44-Jährigen selbst nur der Fahrerplatz übrig geblieben sei.

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Die Panoramaansicht weckt nicht nur beim Vater des Opfers, der als Nebenkläger an jedem Prozesstag teilnimmt, sichtliche Zweifel an dieser Darstellung. Auch Thomas Hauburger vermag den Sinn hinter der angeblichen Aufforderung nicht zu erkennen. "Im Nachhinein ist es einfach zu sagen, das ist ein Hinterhalt", betont hingegen der Pädagoge. Da aber wohl nicht der Fahrer auf den 39-Jährigen neben sich geschossen hat, könnte das mutmaßliche Umsetzen auch lediglich als Erklärung dafür herhalten, warum der 40-Jährige plötzlich von der Rückbank aus gefeuert haben soll.

Die Spurensicherung hat in der Hofreite auch nach den sterblichen Überresten des Opfers gesucht. Dafür wurde in einem Lagerraum der Betonboden an verschiedenen Stellen aufgebohrt und ein Leichenspürhund mehrfach hineingeführt. "Er hat nicht angeschlagen", berichtet ein Polizeibeamter. Folglich war schnell klar: "Dort liegt keine Leiche." Darüber hinaus sollten etwaige Blutanhaftungen mit chemischen Mitteln sichtbar gemacht werden. Ein schier aussichtsloses Unterfangen, da ein Hochwasser im Jahr 2018 mögliche Spuren verwischt oder ganz aufgelöst hat. Schmauchrückstände wiederum hat eine Expertin des Landeskriminalamtes in Wiesbaden noch fast vier Jahre nach der Bluttat an einem Paar Handschuhe entdecken können. Der Mathelehrer hatte zunächst versichert, sein Mitangeklagter habe diese beim Abdrücken getragen und ihm danach zum Anziehen zugeworfen. Der 40-Jährige habe darunter eng anliegende Einweghandschuhe angehabt - damit sei dessen fehlende DNA zu erklären. Ganz spontan hatte er die Lederfingerlinge später "100-prozentig" als seine eigenen identifiziert, um diese Aussage ebenfalls alsbald zu relativieren. Zumal ein Gutachter daran nur die DNA des Pädagogen sowie Blut des Opfers nachweisen konnte.

"Ich habe Partikel gefunden, die eindeutig einer Schussabgabe zuzuordnen sind", erläutert nun die Sachverständige. Allerdings lasse sich daraus nicht ableiten, dass der Träger der Handschuhe auch selbst abgedrückt hat. Es sei denkbar, dass derjenige sich in unmittelbarer Nähe des Schützen aufgehalten oder mit Schmauch an einem Gegenstand berührt hat.

Nach einer längeren Unterbrechung wird der Prozess, der wohl noch bis Ende des Jahres andauern wird, im September fortgesetzt.