Nora Pleil verlässt Band "Black Coffee"

So schön wird es wohl nicht mehr wieder: "Black Coffee" bei ihrem letzten Konzert mit Sängerin Nora Pleil im Dezember 2019. Archivfoto: Schultz

Blues- und Jazzband veröffentlicht ihren unvergessenen Licher Auftritt von 2019 als Konzertalbum - doch die Zukunft der Formation bleibt zunächst unklar.

Anzeige

GIESSEN. Eine erfreuliche Veröffentlichung und ein schmerzhafter Verlust sind gleichermaßen zu notieren. Die gute Nachricht zuerst: Die Blues- und Jazzband "Black Coffee" veröffentlicht ihr glänzendes Konzert vom vergangenen Jahr als CD unter dem Titel "Coffee To Go". Die beliebte Sängerin Nora Pleil wird künftig allerdings nicht mehr dabei sein. Ob es für die Formation ohne ihre Frontfrau eine Fortsetzung geben wird, steht derzeit in den Sternen.

"Black Coffee", als Trio gestartet, erwarb sich in 15 Jahren Konzertpraxis viel Renommee und stetig zunehmend größere Beliebtheit. Die traditionell in der Licher Kinokneipe "Statt Gießen" zunächst am Vorabend der Weihnachtstage gespielten Konzerte wurden später auf die Feiertage verlegt, schließlich wurde das Programm wegen der Resonanz zum Doppelauftritt verlängert. Komplett ausverkauft waren die Konzerte in der Regel, die Stimmung im Saal kann zu Recht als teilweise euphorisch bezeichnet werden.

Zugleich war das musikalische Niveau durchweg hoch: Ausgewählte Profis der Region stellten sich ein. Bandleader und Gitarrist Jörg (JJ) Fischer, Bassist Martin Gniess, Schlagzeuger Joe Bonica und Posaunist Andreas Jamin bildeten zuletzt die Grundbesetzung. Die war stets gekrönt von Sängerin Nora Pleil, was ein breites Spektrum zwischen instrumentellem Jazz, vokalem Blues und natürlich zahlreichen Zwischenformen ermöglichte. Am Piano agierte Shanaka Perera, als Saxofonisten wirkten in den vergangenen Jahren Ron Faust (Alt- und Tenor) sowie Stefan Koch (Alt) mit. In dieser Besetzung entstand auch das Album.

Insofern ist es ein historisches Projekt, das den letzten triumphalen Auftritt einer Band dokumentiert. Die Konzertmischung besorgten Stadttheater-Tonchef Volker Seidler und Ingo Schmidt, Studiomischung und Mastering besorgte Florian Neuber im Creaton-Studio in Lollar.

Anzeige

Herausragend gelang Pleil ihre Fassung von Errol Garners Klassiker "Misty". Der seelenvolle Gesang, umschmeichelt vom schmachtenden Piano Pereras und Bonicas hochsensiblem Schlagzeug, gehörte zu den Höhepunkten des Albums. Vor allem belegt es die enormen musikalischen Entwicklungsschritte, die Pleil auf der Bühne zeigte. Mit ihrer Performance an diesem Abend - nicht zuletzt den unteren Bereichen ihrer Stimme und den individuellen Phrasierungen - eroberte sie noch einmal die Herzen der Zuhörer. Die Frontfrau hatte sich offenkundig neues stimmliches Potenzial erschlossen. Umso bitterer, dass die mittlerweile in Hamburg lebende und arbeitende Musikerin sich entschlossen hat, aus der Band auszusteigen, weil der Aufwand für sie zu groß geworden ist.

Glasklarer Klang

Der Vorzug des Albums ist der glasklare Klang, der zwar keine Liveatmosphäre mitbringt, sieht man vom Beifall zwischen den Titeln und gelegentlichem Szenenapplaus ab. Dafür treten hier die hochwertigen musikalischen Aspekte - wunderschöne Instrumentensounds - zwanglos und in vollem Glanz zutage. Auch JJ Fischer war außerordentlich wohldisponiert und fand zu Ergebnissen, die seiner charaktervollen, zuweilen etwas herben Stimme zu strahlenden Ergebnissen verhalfen. Ebenso gut drauf waren die Bläser, die zu dem Ganzen zu vorbildlicher Geschlossenheit und einem enormen Groove verhalfen. Daran maßgeblich beteiligt ist der großartige Joe Bonica, dessen variantenreiches, fantasievolles Spiel mit seiner unbeirrbaren Werkdienlichkeit ein massiver Grundpfeiler der Band bleibt. Mit Fischer ist er ein Meister der wenigen, starken Töne, was in der Aufnahme besonders schön herauskommt.

Dabei standen die Musiker vor den Konzerten stets unter großem Stress: Kaum konnte man öfter als zweimal vor einem Auftritt proben. Und Nora Pleil stand immer erst am Tag des ersten Konzerts zur Verfügung, weil sie stets die weite Anreise aus dem Norden zu bewältigen hatte. Wie die Band unter diesen Umständen eine derart samtige, geschlossene und interaktive Spielweise erreichte, verdient Hochachtung. Anspieltipp: "Roxanne", mindestens.

Wer sich zwar noch an den Abend erinnert, der findet hier ganz konkrete Beweise, dass es genau das Topkonzert war, auf das man sich auch dieses Jahr wirklich gefreut hätte. Der Gießener Anzeiger war damals schwer angetan: "Insgesamt eine musikalische Sternstunde, in der sich ein Ensemble bewährte, das deutlich enger und präziser, ja lustvoller als zuvor musizierte und zugleich eine neue Qualität der Handwerklichkeit erreichte. Riesenapplaus, nur strahlende Gesichter."

Anzeige

Nun bleibt die Frage offen, ob "Black Coffee" auch ohne seine Sängerin weitermachen wird. Die Musiker haben dazu noch keine abschließende Entscheidung getroffen.

Das Album "Coffee To Go" ist bei Jörg Fischer per E-Mail über Fischer-Pleil@web.de sowie in Peter Herrmanns Internet-Plattenladen unter www.plattenladen-giessen.de zu bekommen.