Pohlheimer Dirigent landet mit Chorprojekt einen Hit

Im geschlossenen Kreis: Nicol Matt inmitten der Sänger bei der 360-Grad-Aufnahme für das Album. Foto: André Cruz

Der Pohlheimer Dirigent Nicol Matt hat mit seinem internationalem "World Choir For Peace" ein Erfolgsalbum aufgenommen - und ehrgeizige Ziele.

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POHLHEIM. Mit einem internationalen Ensemble von Sängern und Instrumentalsolisten hat der "World Choir For Peace" ein Album veröffentlicht, das auf den Streamingplattformen Apple Music und Spotify bereits weit über zwei Millionen Mal abgerufen wurde. Kopf des Projekts ist der im Pohlheimer Ortsteil Grüningen lebende Dirigent Nicol Matt, der damit gleichzeitig eine weltumspannende Friedensinitiative verfolgt, die auf dem gemeinsamen Singen basiert. Wir sprachen mit dem Dirigenten und seiner Lebensgefährtin, der Gießener Dokumentarfilmerin Dagmar Titsch, die gerade zuhause in Grüningen zwischendurch zum Verschnaufen eintrafen.

Im geschlossenen Kreis: Nicol Matt inmitten der Sänger bei der 360-Grad-Aufnahme für das Album. Foto: André Cruz
Nicol Matt (rechts) und Tonmeister Gregor Zielinsky bei der Arbeit im Tonstudio Tessmar in Hannover.  Foto: Dagmar Titsch

Sänger aus aller Welt

Die Aufnahmen, die im März im Hannoveraner Tonstudio Tessmar unter Leitung des erfahrenen Produzenten und Grammy-Gewinners Gregor Zielinsky standen, waren etwas ganz Besonderes. Die 24 professionellen Sängerinnen und Sänger aus aller Welt wurden von internationalen Instrumentalisten begleitet. Dazu zählten die Niederländerin Lavinia Meijer (Harfe), Tim Allhoff und Josefa Schmidt (Klavier), die Estin Maarja Nuut (Violine), die Französin Esther Abrami (Violine) sowie Gereon Theis (Cello). Erstmals wurden dabei Chor und Harfe zusammengeführt. Zudem wurde ein von Zielinsky mitentwickeltes, aufwändiges Aufnahmeverfahren angewandt, bei dem der kreisförmig aufgestellte Chor rundum von Mikrofonen umgeben war, was zu einer 360-Grad-Aufnahme führte. "Wir können stolz sagen, dass wir einer der ersten Chöre sind, die eine solche Kombination durchgeführt haben", sagt Dirigent Matt.

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Matts Grundidee war es, "ein Album für Chor und Harfe zu entwickeln", etwa bei der Hälfte der Titel sollte sie das Soloinstrument sein. Für die Harfe entschied er sich, weil sie ein Saiteninstrument mit großem Tonumfang ist. "Es lässt sich recht viel übernehmen, das man auf dem Klavier spielen kann. Und wenn sie dann wie bei uns frei im Raum steht, hat sie durch ihren Resonanzkörper für mich etwas Ätherisches." Das gelte ebenso für die Chormusik, und so sei die Kombination entstanden, die "unwahrscheinlich gut zusammenpasst". Mit dieser Idee hat sich Matt bei den Major-Labels vorgestellt. Und Sony hatte, wie es der Zufall wollte, die bekannte niederländische Harfenistin Lavinia Meijer unter Vertrag, die in das Projekt einstieg. Auf die Idee, das Projekt "Peaceful Choir" zu nennen, kam man bei Sony, weil Playlists mit Ambientmusik unter dem Titel "Peaceful" sehr populär sind. Um die Chormusik des Ensembles mainstreamtauglich zu machen, kamen nun auch noch Geige, Cello und und Klavier als Instrumente dazu.

Zudem wollte Sony "ein paar Topnamen" als Komponisten dabeihaben, berichtet Nicol Matt. So stellten 19 Komponisten Werke zur Verfügung, zwölf von ihnen erhielten von Sony Music den Auftrag, eigens einen Titel für das Album zu schreiben. So wurde etwa der Weltstar Karl Jenkins gewonnen, der das Stück "Healing Light", für die Besetzung Klavier, Harfe, Cello, Geige, Chor und Body Percussion beisteuerte. Der Filmkomponist und mit einer Oscar-Nominierung bedachte Düsseldorfer Volker Bertelmann alias "Hauschka" übernahm ebenfalls ein Stück ("Fifteen Million Acres"), das die aktuellen australischen Buschbrände thematisiert. Auch "Threads" von Violinistin Maarja Nuut wurde speziell für das Album geschrieben. Und dann ist da noch ein berühmter Komponist auf dem Chor-Album vertreten: der an zahlreichen Hollywood-Produktionen beteiligte Hans Zimmer, der den Batman-Film "The Dark Knight Rises" vertonte, schrieb im Gedenken an die Opfer des Amokanschlags in Aurora (Colorado) bei der Premiere des Films 2012 das Chorwerk "Aurora".

Das eingespielte Ergebnis überzeugte auch den weltweiten Klassik-Kurator von Apple Music. Er rief bei Sony an und sagte, "so soll ein Klassikalbum klingen", berichtet Matt. "Die Mail hab ich noch", freut er sich, "und so sind wir in die großen Playlists gekommen." Der Erfolg gibt dem Chorleiter wie dem Label-Manager recht.

Nicol Matt setzte sich mit dem Projekt noch ein weiteres großes Ziel. Es "sollte ein Beitrag zum Weltfrieden werden". Denn der Chor wolle künftig als Friedensbotschafter, als "Artist for peace", mit der Unesco zusammenarbeiten, indem er jährliche Mitsing-Events veranstaltet, bei dem die Menschen nicht nur musikalisch zusammenkommen können. Das Gründungskonzert war 2018 in der Stuttgarter Mercedes Benz-Arena mit 2000 Sängerinnen und Sängern aus über 30 Ländern auf der Bühne. Es war ein emotionales Erlebnis, berichtet der Dirigent, "sie schwärmen bis heute von diesem Konzert".

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Dokumentarisch begleitet

Matts Lebensgefährtin, die Gießener Filmemacherin Dagmar Titsch, hat das Projekt dokumentarisch begleitet. Sie fragte einen der Musiker im Interview, was er beim Singen von einem der Titel empfunden habe, dessen Hintergrund jedem bekannt war. "Mir ist bewusst geworden, dass ich in diesem Moment die Stimmen der jungen Menschen höre, die am Himmelstor stehen und noch einmal zurückschauen, bevor sie auf die andere Seite treten", antwortete ihr Alexander Koller bewegt.

Die gesamte Produktion begann Anfang März 2020, zehn Tage davon wurde im Studio aufgenommen, anschließend erfolgte der Schnitt der Titel. Kurz vor der planmäßigen Beendigung der Aufnahmen mussten einige Musiker Deutschland verlassen, um noch in ihre Heimatländer einreisen zu können. Matt: "Wir mussten dann mit reduzierter Besetzung weitermachen, weil der letzte Aufnahmetag gestrichen werden musste, sodass wir mit den verbliebenen Sängern die Nacht hindurch aufgenommen haben. Dadurch kam von den geplanten 20 ein Stück nicht mehr auf das Album". Doch auch ohne diesen Titel ist das Ergebnis ein rundum sanftmütiges, Ruhe verströmendes Chormusikerlebnis mit zahlreichen erfrischenden Akzenten sowie berührenden Momenten.

Alle Informationen und Links auf der Webseite www.worldchoirforpeace.org. Darunter sind auch Interviews mit den Komponisten, Instrumentalisten und Sängerinnen und Sängern.