Schwestern aus Krofdorf-Gleiberg wollen Flüchtlingen auf...

Diesmal sitzen Lucie (l.) und Lara Gruber nicht auf gepackten Kisten, denn die Hilfsaktion ist diesmal etwas anders konzipiert.  Foto: Mattern

Lara und Lucie Gruber sammeln erneut Spenden und fliegen am 13. August nach Griechenland, um dort Hilfsgüter zu kaufen und zu verteilen.

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KROFDORF-GLEIBERG. Reden und Handeln gehören untrennbar zusammen, wenn man etwas bewegen will. Nur Reden allein hilft nicht weiter. "Die Welt können wir nicht retten, aber versuchen, sie etwas besser zu machen", sagt Lucie Gruber. "Und zwar durch Taten." Am 13. August geht's los: "Lesbos 2.0". Lucie und ihre ältere Schwester Lara sowie sieben weitere Mitstreiterinnen und Mitstreiter wollen im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der griechischen Insel Lesbos das nach wie vor vorhandene Leid und Elend mildern helfen und die Lebensumstände der Menschen dort ein Stück weit erträglicher gestalten. Im vergangenen Jahr hatten die Schwestern Hilfsgüter gesammelt und nach Lesbos gebracht, um sie an Flüchtlinge zu verteilen.

Längst sind diese vielen Geflüchteten aus den Schlagzeilen und Nachrichten verschwunden, aber geblieben ist große Not in einer menschenunwürdigen Lebenssituation: kaum medizinische Versorgung, Nässe, Kälte und verschlammte Böden, teilweise verdorbenes Essen, nicht ausreichend Trinkwasser. Dies kommt zu den unverarbeiteten traumatischen Erlebnissen ihrer Flucht und den körperlichen Krankheiten durch einen perspektivlosen Daueraufenthalt in den Camps.

Zum neunköpfigen Team gehört auch Ulrike Gruber, die Mutter der beiden Schwestern, die eigentlich schon im vergangenen Jahr mitfahren wollte. Damals war sie noch ganz Mutter, gab Tipps, stand für Fragen und Anregungen zur Verfügung. Auch die Sorge um einen guten Ausgang der mutigen Hilfsaktion war vorhanden. Aber sie habe nie versucht, ihre Töchter davon abzuhalten, betont Ulrike Gruber. "Jetzt fliegt sie nicht als Mama mit, sondern als gleichberechtigte Partnerin im Team", ergänzt Lucie.

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"Leben-Lieben-Lachen"

Die Frage nach den Beweggründen, so ein Abenteuer mit Strapazen, auch Gefahren und Ungewissheit, auf sich zu nehmen, erübrigt sich schnell. An der Wand im kleinen Esszimmer hängt ein Gemälde mit drei Herzen. Darunter steht: "Leben-Lieben-Lachen". Das ist für die Familie, zu der noch Papa Erwin, Bruder Levi und die Zwillingsbrüder Jon und Jescha gehören, ein Bekenntnis und Lebensphilosophie. "Der erneute Aufbruch zu den Vergessenen dieser Welt ist die Fortsetzung einer Reise, von der wir emotional noch nicht wieder zurückgekommen sind", erklären Lucie und Lara.

2020 war es ein Transport von Hilfsgütern, die in mehreren Kleinlastern nach drei Tagen ihr Ziel erreichten. Dabei wurden die Schwestern von mehreren Freunden begleitet. Diesmal gibt es ein anderes Konzept. Die Entscheidung, nur Geld zu sammeln, beruht auf der Überlegung, die teuren Fähr- und Reisekosten und damit den logistischen Aufwand zu minimieren. So könne man mit Einkäufen vor Ort die Wirtschaft unterstützen, die stark eingebrochen ist, da wegen der Flüchtlingsproblematik kaum noch Touristen kommen, erklären die beiden. Man schlage also zwei Fliegen mit einer Klappe. Das Geld komme zu 100 Prozent bei den Flüchtlingen an, versichern sie. Plan ist es, Hilfsgüter zu kaufen und zu verteilen, Medikamente, Arztkosten, Einkäufe im Supermarkt und so weiter zu bezahlen. Auch Investitionen in bessere Camp-Bedingungen (Sanitäranlagen, Holzböden in den Zelten etc.) sind je nach Spendenaufkommen denkbar. Für den Fall eines so großen Geldsegens, dass nicht alles ausgegeben werden kann, können sich die beiden vorstellen, Unterkünfte für Familien mit besonderem Schutzbedarf zu mieten oder Anwaltskosten für bedürftige Familien zu übernehmen.

"Wir vertrauen auf Herzensspenden, auch wenn es mit einer Organisation oder einem Verein, den wir gerade gründen, einfacher gewesen wäre." Vor Ort sollen Zweier-Teams gebildet werden. Ziel ist, pro Tag die Bewohner von fünf Zelten zu besuchen und sich um deren Belange zu kümmern. Das Team ist so aufgestellt, dass alle Sprachen gesprochen werden, die auch im Camp verstanden werden.

"Neben dem Verteilen von Sachen und Nahrung ist es uns wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen", sagt Lucie. So erfahre man, wo und wie gezielt geholfen werden kann. "Auch wenn es uns schon jetzt wie bereits vergangenes Jahr mit großer Traurigkeit erfüllt, zu wissen, nicht allen Menschen helfen zu können, wollen wir den wenigen effizient helfen und dabei den Fokus auf Familien mit Kleinkindern legen".

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Anfeindungen

Die Schwestern wurden nach Bekanntwerden ihrer Aktion "Lesbos 2.0" auch angefeindet. Der Vorwurf lautete, warum man sich nicht um die Menschen der Flutkatastrophe "vor der Haustür" einsetze. Die wenigsten wissen, dass beide im Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen über mehrere Tage im Einsatz waren und dort mit anpackten, um Häuser vom Schlamm zu befreien. "Uns tun die Betroffenen dort unendlich leid und wir haben Verständnis, wenn Spendengelder vermehrt dorthin gegeben werden. Aber wir wollen und dürfen Leid nicht gegeneinander abwägen", bittet Lara um Verständnis.

Zuhause spricht die Familie viel über Not und Elend und Bedürftigkeit in dieser Welt. Jedes Menschenleben ist gleich viel wert, egal wo. Seit ihrem ersten Aufenthalt auf Lesbos halten die Schwestern mit einigen Menschen dort regelmäßig Kontakt, wissen somit um die aktuelle Situation im Lager. Für 21. August ist die Rückkehr geplant. Lucie Gruber will noch in Athen Zwischenstation machen. Dort lebt eine Familie, zu der sie eine enge Bindung aufgebaut hat. In Gesprächen mit Anwälten möchte sie versuchen, die Einreise nach Deutschland zu ermöglichen.

Die beiden jungen Frauen wünschten sich, dass sich mehr Menschen aus ihrer bequemen Wohlstandsblase befreiten, um durch den Blick über den Tellerrand aktiv zu helfen. Es muss nicht Lesbos sein. "Wer mit offenen Augen und wachem Geist seine Umgebung beobachtet, dem bieten sich ungezählte Möglichkeiten, auch im Kleinen durch Hilfe ein Zeichen zu setzen."