Wurde Rassismus-Opfer aus Gießen an Anzeige gehindert?

Das Polizeipräsidium Mittelhessen ermittelt wegen Rassismusverdachts gegen einen Beamten aus den eigenen Reihen. Screenshot: TikTok

Am Montag ist das Polizeipräsidium Mittelhessen auf TikTok auf ein pikantes Video gestoßen. Die Ermittlungen gegen einen Beamten aus den eigenen Reihen laufen.

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MITTELHESSEN/GIESSEN. Das Polizeipräsidium Mittelhessen ist am Montagabend auf ein Video aus den sozialen Netzwerken aufmerksam geworden, welches offenkundig einen hessischen Polizeibeamten zeigt. In dem auf dem Portal TikTok verbreiteten Video ist zu sehen und zu hören, wie der Polizist gegenüber dem mutmaßlichen Störer sagt "Mach' und verschwinde, sonst vergesse ich mich. Geh in dein Schweine-Land zurück". Im Hintergrund ist ein mehrstöckiges Gebäude zu erkennen, das Video ist mit dem Hinweis "Gießen" und einer albanischen Flagge markiert. Die Sequenz ist lediglich acht Sekunden lang und offenbar heimlich gefilmt. Welche Situation der Aussage vorausging, ist nicht zu sehen.

Nach hr-Recherchen ist das Video bereits im November 2018 in der Nähe des Berliner Platzes in Gießen aufgenommen worden. Der Betroffene und gleichzeitig Filmer der rassistischen Äußerung des Polizisten berichtete laut hr, dass er vor den Szenen im Video damals laut auf Albanisch mit seiner Familie telefoniert habe. Dann sei der Polizist plötzlich auf ihn zugekommen und habe ihn geschubst und beleidigt.

Anschließend habe er über verschiedene Wege mehrfach vergeblich versucht, den Fall bei der Gießener Polizei zur Anzeige zu bringen. Dabei sei ihm laut hr-Bericht unter anderem entgegnet worden, dass man keine Anzeige gegen einen Kollegen aufnehme.

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Dass es sich um einen Polizisten aus dem Polizeipräsidium Mittelhessen handelt, das die Landkreise Lahn-Dill, Gießen, Marburg-Biedenkopf und Wetterau umfasst, hat am Dienstagvormittag Polizeipräsident Bernd Paul bestätigt. Laut einer Pressemitteilung vom Dienstag wurde der Polizeibeamte identifiziert und die Videosequenzen aus dem Netz für die weiteren internen Ermittlungen gesichert. Außerdem sei es sehr sicher, dass die Aufnahmen in der Stadt Gießen gemacht worden sind, erklärte Reinemer.

Sachverhalt soll lückenlos aufgeklärt werden

"Ich versichere Ihnen, dass mich die Videosequenz betroffen macht", wird Polizeipräsident Bernd Paul in der Pressemitteilung zitiert. "Ein solcher rassistischer Ausspruch gegenüber einem Bürger ist völlig inakzeptabel und niemals hinnehmbar - ganz unabhängig davon, was in der konkreten Situation vorgefallen sein mag". Der Sachverhalt werde lückenlos und konsequent aufgeklärt. Laut Paul müssten hessische Polizistinnen und Polizisten jederzeit ihrer Vorbildfunktion gerecht werden und integer sowie rechtsstaatlich agieren. Zu den strafrechtlichen Ermittlungen habe das Polizeipräsidium Mittelhessen daher unverzüglich dienstrechtliche beziehungsweise disziplinarrechtliche Ermittlungen aufgenommen.

Am Donnerstag bestätigte die Polizei auf Nachfrage, dass sich der Filmer und mutmaßlich Geschädigte mittlerweile bei der Polizei gemeldet habe, nachdem er bemerkt habe, dass die von ihm auf TikTok veröffentlichte Videosequenz viral ging. Stand Donnerstag wurde der nur wenige Sekunden lange Film schon über eine halbe Million Mal gesehen. Das Video, das er bereits im Jahr 2020 auf Youtube hochgeladen hatte, wurde dagegen offenbar kaum zur Kenntnis genommen.