Kulturdenkmal mit großer Feier in Ober-Bessingen wieder eröffnet

Die geladenen Gäste und Verantwortlichen vor der sanierten Pforte.

Fachwerkpforte in Ober-Bessingen für 800 000 Euro saniert.

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OBER-BESSINGEN. Was den Lichern ihr Schloss, ist den Ober-Bessingern ihre märchenhaft hübsche Fachwerkpforte. Dreigeschossig gebaut mit einem Türmchen, einer Uhr und einem großen Tor. Nach langer Renovierungszeit mit Beginn im März 2017 war es am Samstag soweit: Das Wahrzeichen und hessische Kulturdenkmal wurde mit einer großen Feier wieder eröffnet.

Ursprünglich 1593 gebaut, brannte die Pforte inklusive Glocken und Uhrwerk 1675 zum Kirchweihfest mit dem größten Teil des Ortes nieder. Das Feuer war durch eine Unvorsichtigkeit nach reichlich Alkoholgenuss ausgelöst worden. Das obere Torhaus wurde im Jahr 1782 an derselben Stelle wieder errichtet. Eine erste Renovierung erfolgte 1988. Sieben Jahre später wurde die Wetterfahne erneuert. Kurz nach der Jahrtausendwende war der letzte Bewohner ausgezogen, seitdem stand die Pforte leer.

Zerfall drohte

Der Zahn der Zeit nagte an dem alten Gebäude: der Putz bröckelte, Balken waren marode, es drohte der endgültige Zerfall. Der Vorschlag, die Pforte doch dem Hessenpark anzubieten, sei schnell vom Tisch gewesen, berichtete Ortsvorsteherin Karin Römer. Am 5. September 2016 gründeten 70 Bürger den Verein "Pforte 1782" und nahmen den Kampf um ihr Wahrzeichen erfolgreich auf.

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Zu Beginn der Eröffnungsfeier mutierte das Wahrzeichen bei einem Seifenkisten-Rennen erst einmal zur Rennstrecke. André Einsenfeller siegte mit seinem Team "Ober-Bessingen Hauptsache voll" und freute sich über eine Übernachtung in der Pforte inklusive Pokal. Während des Rennens gab es etliche Unfälle mit Schürfwunden, ein Zuschauer musste sogar, nachdem er von einer heißen Kiste angefahren wurde, im Krankenhaus versorgt werden.

Am frühen Nachmittag startete dann der offizielle Teil der Feier mit dem "Pforte-Lied" des Ober-Bessinger Duos Kall und Erwin. Anschließend bedankte sich Patrick Müller, Vorsitzender des "Pforte 1782"-Vereins, für die vielen Finanzspritzen der ortsansässigen Vereine und die tatkräftige Unterstützung der Bürger beim "Entmüllen" der Pforte. Bürgermeister Bernd Klein zeigte sich stolz: "An der Pforte sieht man, was entstehen kann, wenn die Stadt Lich Leute mit Ideen in ihrem Tun unterstützt. Dabei geht es nicht nur um die Sanierung, so ein Gebäude muss auch mit Leben gefüllt werden." Die Pforte beherberge nun zwölf Schlafplätze für Pilger auf dem Lutherweg und ein Rot-Kreuz-Museum mit Ausstellungsstücken von Dietrich Holle aus Lich. Insgesamt habe die Sanierung der Pforte rund 800 000 Euro verschlungen, 400 000 Euro für die Grundsanierung der äußeren Bausubstanz habe die Stadt Lich alleine getragen, 200 000 Euro für den Innenausbau kamen aus europäischen Fördergeldern und weitere 200 000 Euro für den Innenausbau stammten vom Amt für Denkmalschutz sowie Sponsoren.

Auch Staatsminister Dr. Helge Braun war gekommen und betonte, wie wichtig es für die Wohnqualität sei, dass kleine Orte ihre historischen Gebäude pflegen und instand halten. Ober-Bessingen habe nun wieder eine "lebendige" Pforte und mit der Pilgerherberge ein neues Angebot für Touristen. Kultusstaatssekretär Dr. Manuel Lösel wies auf die Wichtigkeit des Ehrenamts hin, bevor Ortsvorsteherin Karin Römer auf die schwierige Finanzierung der Pforten-Runderneuerung einging. Ohne die rettende Idee des verstorbene Stadtrats Franz-Gerd Richarz wäre alles wahrscheinlich nicht so erfolgreich verlaufen. Richarz hatte sich erinnert sich daran, dass Luther einst auf seinem Weg von Eisenach nach Worms durch Ober-Bessingen gewandert war. Die Pforte damit am Lutherweg liege und als Pilgerherberge genutzt werden könne. Dadurch konnten wesentlich mehr Fördergelder akquiriert werden.

Substanz erhalten

Anschließend erläuterte die federführende Architektin Stefanie Muskau vom Architekturbüro Seidel + Muskau aus Wettenberg die Renovierungsmaßnahmen, die vor allem möglichst viel der historischen Substanz erhalten sollten: Balken wurden ausgetauscht, das Dach saniert, die Uhr repariert, die Technik komplett ausgetauscht, eine Pellet-Heizung implementiert, Wasserleitungen neu verlegt, ein Sanitär-Bereich neu eingebaut und mit wunderschönen alten Zementbodenfliesen versehen und zuletzt arbeiteten die Schreiner Türen, Dielen sowie Treppen neu auf. Das von außen "alte" Fachwerkgebäude hat nun ein helles und sehr modernes, stylisches Innenleben.

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Pfarrer Lutz Neumeier fand lobende Worte, während Bernd Rausch vom "Lutherweg 1521" sowie Ernst Otto Finger sich der geschichtlichen Entwicklung widmeten, bevor Pfarrerin Anna Möller den Haussegen sprach. Musikalisch umrahmt wurde die Feier vom Kinderchor und dem gemischten Erwachsenen-Chor.