In Leihgesterner Kita gehören Gesten zum Alltag

Halyna Siegl (l.) und ihre Kolleginnen zeigen die Gebärdensprache. Foto: Evangelische Kita Leihgestern

Gebärdensprache gehört im evangelischen Kindergarten in Leihgestern zum Alltag.

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LEIHGESTERN. Unablässig wandern die Kinderhände beim Singen in der Luft herum und formen sich zu Gesten. Dabei liegt der Blick der Kinder auf der Erzieherin, die ihnen die Gebärden vorführt. Die Idee, die Gebärdensprache in der Leihgesterner Kita zu etablieren, entstand bei einer Fortbildung. Halyna Siegl hat dafür gesorgt, dass die Sprache der Gehörlosen vor zwei Jahren in den Alltag der evangelischen Kindertagesstätte einfloss. Gebärdensprache kannte sie bereits von einer Förderschule. Heute gehört sie zum pädagogischen Konzept des Kindergartens.

Vertraute Gesten

Gemeinsam lernten die Erzieherinnen Gebärden, um alle Kinder gleichermaßen ansprechen zu können, heißt es in einer Pressemitteilung. Kinder benutzen Gesten, bevor sie sprechen lernen. Schon kleine Kinder zeigen auf Dinge, die sie gereicht bekommen möchten, heben die Arme, um hochgenommen zu werden oder schütteln mit dem Kopf und stampfen auf, wenn sie anderer Meinung sind. Die Benutzung von Gesten ist also eine normale entwicklungstypische Kommunikationsform.

Gebärdensprache integriert Kinder mit Behinderung und Sprachstörungen. Sie macht allen Kindern Spaß, die gerade sprechen lernen. Besonders Kinder, die Sprachlernschwierigkeiten oder einen Migrationshintergrund haben, profitieren davon.

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Mimik und Laute

Die Gebärdensprache ist komplex und muss regelmäßig geübt und angewandt werden, allerdings ist sie dann auch sehr eindeutig. Eine Hand, die zum Mund geführt wird - bedeutet Essen; der Zeigefinger, der vor den Zähnen hin- und her bewegt wird - bedeutet Zähne putzen. Die Hand, die auf den Oberschenkel klopft, bedeutet Hund. Mittlerweile kursieren in der Kita fast 90 Gebärden, berichten Halyna Siegl und die Kita-Leiterin Tamara Ruschinski.

Der Fachausdruck sei "Gebärdenunterstützte Kommunikation", sagt Halyna Siegl. Gebärden sind eine visuelle Sprache, das heißt, man hört sie nicht, sondern sieht sie. Wichtig sind auch die Mimik und die Laute, die man während des Gebärdens macht. Ursprünglich wurde das System für Kinder mit Down-Syndrom entwickelt. Studien belegen aber auch, dass diese Form des Gebärdens auch für Kinder mit kommunikativen Einschränkungen anwendbar ist.

Üben beim Singen

Im Flur des Kindergartens gibt es eine große Gebärdenwand. Hier hängen Bilderrahmen mit Gebärden und dem dazugehörigen Symbol. Dies erleichtert den Kindern die Gebärden auch einem Wort zu zuordnen, da die Kinder ja noch nicht lesen können. Die Zeichen werden täglich im Alltag gebärdet. Auch unter den Türschildern hängen Bilderrahmen mit den Gebärden und dem passenden Symbol. Dies erleichtert den Kindern die Orientierung, außerdem zeigt es den Eltern und Besuchern, wie im Alltag die Gebärdensprache praktiziert wird.

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Für die Erzieherinnen zum Nachschlagen hat Siegl ein Gebärdenhandbuch erstellt, in dem alle Gebärden aufgeführt sind, die gemeinsam gelernt wurden. Es wurden auch verschiedene Kinderbücher mit Gebärden angeschafft, die von den Kindern gerne und oft angeschaut werden.

Gelernt und geübt wird mit den Händen sprechen vor allem beim gemeinsamen Singen und dem täglichen Morgenkreis, aber auch im Alltag werden die Gebärden täglich genutzt.

"Was gibt es Schöneres als einem Kind mit Behinderungen die Teilhabe am Leben und Spielen der anderen zu ermöglichen?", antwortet die Kita-Leiterin auf die Frage nach dem Motiv für die ganze Mühe. In dem Leihgesterner Kindergarten sind zurzeit zwei Kinder mit Down-Syndrom sowie Jungen und Mädchen mit Hörgeräten, aber auch Kinder ohne Handicap, die noch nicht richtig sprechen können. "Wir stellen fest, dass die Sprachlernfähigkeit in den vergangenen Jahren abgenommen hat", so Tamara Ruschinski.

Frustriert

Ruschinski und Siegl haben in der Vergangenheit beobachtet, dass Kinder mit Sprachschwierigkeiten sich frustriert zurückziehen und verstummen, wenn sie sich nicht verständlich machen können. Hier ist die "Gebärdenunterstützte Kommunikation" eine Möglichkeit, alle Kinder gleichermaßen zu beteiligen.

Von den Eltern, für die es auch Workshops gab, wurde das Konzept positiv aufgenommen, betont Siegl. Das sei wichtig, denn die Kinder nutzen die Handzeichen auch Zuhause. Neue Wörter könnten sie sich durch die zusätzlichen Gesten besser merken.

Die anderen Kinder lernen die Gebärdensprache mit Freude mit und können so auch begreifen, was die Kinder mit Behinderungen ausdrücken wollen. Ein kleiner Junge bringt es auf den Punkt: "Wir machen das, damit die Kinder, die nicht gut sprechen können, uns verstehen."