Limburg-Weilburg: Hausärzte senden Signal an die Politik

„Es kann nicht sein, dass man vom eigenen Verdienst etwas zurückzahlen muss, weil man den kranken Menschen gute Medizin bietet“: Die Hausärzte der Region streiken erneut gegen die Politik von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach.

Am Mittwoch bleiben viele Praxen wegen der bundesweiten Ärztestreiks geschlossen. Mediziner appellieren, dass es so nicht mehr weiter gehen kann, und wollen die Politik aufrütteln.

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Limburg-Weilburg. Wer am Mittwoch bei seinem Hausarzt ein Rezept abholen oder zur Sprechstunde kommen will, wird bei einigen Praxen vor verschlossenen Türen stehen. Denn die Hausärzte der Region streiken erneut gegen die Gesundheitspolitik von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach. Es gehe unter anderem um die Neupatientenregelung, zu viel Bürokratie, fehlgeschlagene Digitalisierung in den Praxen und fehlendes qualifiziertes Praxispersonal. Wir haben bei Hausärzten in der Region gefragt, wer streikt und welche Motivation sie haben.

Die Arbeitsbelastung der Ärzte schildert Ulrike Tondera, Fachärztin für Allgemeinmedizin in Elz und Sprecherin des Ärztenetzwerks „Piano“: „Die letzten zweieinhalb Jahre haben den Ärzten und ihren Mitarbeitern im ambulanten Bereich viel abverlangt. Wir wollen nicht die Arbeit der Krankenhäuser schmälern, aber wenn man es realistisch betrachtet, sind wir in der ambulanten Versorgung immer die ersten Ansprechpartner, auch heute noch.“ Zu Beginn der Pandemie hätten viele gerade ältere und schwerkranke Patienten die Praxen gemieden – aus Sorge, sich anzustecken. Dadurch seien Erkrankungen, die nicht covidbedingt waren, unzureichend behandelt worden.

Kein Coronabonus für die Praxen

Sie führt weiter aus, dass die Gehälter der Medizinischen Fachangestellten (MFA) in Arztpraxen in den vergangenen zwei Jahren um neun Prozent erhöht wurden – und sie sollen zum 1. Januar 2023 erneut steigen. „Dies ist mehr als berechtigt, bei dem, was diese qualifizierten Kräfte leisten“, so Tondera. Der Staat habe für den ambulanten Bereich kein Geld für einen Coronabonus gehabt, nur für die Mitarbeiter der Krankenhäuser.

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Tondera befürchtet zudem eine Verschlechterung der medizinischen Versorgung auf dem Land. „Es ist bekannt, dass es an Nachfolgern für die niedergelassenen Ärzte mangelt.“

Facharztpraxen sollen eingespart werden. Die Patienten würden so in Zukunft weite Wege in Kauf nehmen müssen. „Wir von ,Piano‘ bemühen uns seit Jahren, neue Kollegen zu motivieren, gemeinsam mit uns die ländliche Versorgung weiter zu garantieren. Auch die Androhung immer neuer Regresse, ob für medizinische Leistungen oder Medikamente, verprellt junge Ärzte. Niemand von uns will mit dem Geld der Krankenkassen unwirtschaftlich arbeiten. Doch es kann nicht sein, dass man vom eigenen Verdienst etwas zurückzahlen muss, weil man den kranken Menschen gute Medizin bietet.“ Es gehe den Ärzten nicht darum, Geld zu scheffeln, stellt Tondera klar.

Fehlende Wertschätzung für die Hausärzte

Simon Fachinger, Bezirksvorsitzender Limburg-Weilburg des Hausärzteverbandes Hessen, beteiligt sich an dem Protest. Seine Praxis in der Gemeinde Brechen bleibt heute geschlossen. Es gehe ihm und den Kollegen hauptsächlich darum, auf die Gefährdung der Patientenversorgung hinzuweisen, so Fachinger. „Aufgrund der politischen Entscheidungen sinken nämlich die Anreize für die Eröffnung und den Erhalt von Niederlassungen“, sagt der 40-Jährige. „Die Ärzte leisten dieselbe Arbeit für weniger Geld. Das ist nicht hinnehmbar“, stellt der Mediziner klar.

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Ein weiterer Grund für die Proteste sei die fehlende Wertschätzung. Beispielsweise seien bislang 98 Prozent aller Corona-Patienten in den Hausarztpraxen behandelt worden. Trotz dieses enormen Aufwandes gebe es aber keine Entlastungen mit Blick auf die Energiekrise sowie auf die Inflation.

Laut Fachinger sei der „Aufhänger“ der Proteste zunächst die Streichung der Neupatienten-Regelung gewesen. Mittlerweile gehe es aber um viele weitere Kritikpunkte an der Politik. „Die Ärzte gehen auf die Straße, um endlich gehört zu werden. Wir machen das aber definitiv nicht nur wegen des Geldes“, betont der Bezirksvorsitzende. Am Mittwoch gebe es Protestmärsche in Gießen und Fulda. Im Landkreis Limburg-Weilburg seien hingegen keine Zusammenkünfte geplant.

Wie viele Ärzte aus dem Landkreis nach Gießen oder Fulda fahren und wie viele Praxen in der Region heute geschlossen bleiben, weiß der 40-Jährige nicht. Seinen Angaben zufolge werden sich aber definitiv mehr Praxen beteiligen als noch vor rund fünf Wochen.

Obwohl heute voraussichtlich viele Praxen im Landkreis Limburg-Weilburg geschlossen bleiben, könne den Angaben des 40-Jährigen zufolge die Versorgung der Patienten gewährleistet werden. Es bestehe also keine erhöhte Gefahr für die Bürger.

Und wie soll es eigentlich in den kommenden Wochen und Monaten weitergehen? „Wenn die Politik nicht reagiert, werden weitere Protesttage Anfang des kommenden Jahres folgen“, teilt der Bezirksvorsitzende mit.